Kultur- und Geistesgeschichte – Seminar:
Körper und Kunst: Analysen und Theorien aus Gesellschafts- und Kunstgeschichte [WS 2009/10]

Mittwoch, 12:15-13:45 – Hauptgebäude, Seminarraum A (Ferstel-Trakt, Dachgeschoß)
1. Termin: 14.10.2009
Der nächste Termin ist am 21. Oktober 2009, 12.15 Uhr
Weitere Termine werden sobald wie möglich bekannt gegeben.

Hubert-Christian Ehalt
Institut für Kunstwissenschaften, Kunstpädagogik und Kunstvermittlung / Abteilung Kultur- und Geistesgeschichte
Tel: 71133-6501   Fax: 71133-6509   email: hubert-christian.ehalt@wien.gv.at


Körper, Körperlichkeit, Körperbewusstsein haben Konjunktur wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Die Aktualität des Körpers betrifft viele Dimensionen des Wissens, des Denkens, des Handelns. Und sie geht quer durch alle Kulturen der Welt überall, wo die Globalisierung mit ihrer medialen Durchdringung und Vernetzung hinkommt. Die Facetten dieser ständig gewachsenen Aktualität sind omnipräsent, weil sie gleichzeitig Facetten der anderen großen Gegenwartsthemen bilden.

Körper, Körperbewusstsein, körperliche Fitness, körperliche Schönheit, Gesundheit, Erotik, Wissen und wissenschaftliche Perspektive gewinnen ständig weiter an Bedeutung und Aktualität. Die Menschen – zunehmend nicht mehr nur der westlichen Welt – investieren wachsende materielle und mentale Mittel in Pflege, Training und ästhetische Gestaltung (immer häufiger mit chirurgischen Mitteln) ihrer Körper, und sie verwenden immer mehr Zeit dafür. Wachsende Industrien erzeugen Kosmetika, Medikamente, Nahrungsmittel und Geräte, die der Erreichung der hoch gespannten Schönheits-, Fitness-, Hygiene- und Gesundheitsideale dienen. Die Körper zeigen – messbar an Parametern, über die ständig verhandelt wird – den Marktwert, den ein Mensch hat. Die Aktien von jemandem, der nicht schön, fit und gesund ist, fallen ständig.

Die Kunst, die in allen gesellschaftlichen Situationen Offenheit, Reflexion, Öffnung und Kritik ermöglichte, ist in vielfacher Hinsicht mit dem Körperlichen konfrontiert. Immer schon haben sich Künstlerinnen und Künstler für den Körper interessiert – als Portrait, als Akt, in Aktion. Die Körper sind interessant als „Maschinen“, als Objekte, aber auch als Seelenspiegel. Für viele Künste (bildende Kunst, Theater, Tanz, Performance) war und ist die Frage der körperlichen Schönheit immer ein zentrales Thema. Allerdings auch in einer sehr gebrochenen, in einer sehr ambivalenten, in einer sehr reflexiven Form: schön ist die Kunst ja nie, weil sie schöne Objekte schön abbildet. Schönheit ist in der Kunst ein in höchstem Maß ambivalentes und reflexives Geschehen. Die Künste standen und stehen jedenfalls den aktuellen Trends eines medialisierten Alltags sehr kritisch gegenüber, und viele Künstlerinnen und Künstler nahmen und nehmen bewusst gegen die Megatrends der Ästhetisierung von allem und jedem Stellung. Immer schon interessierten sich Künstlerinnen und Künstler für tabuisierte Bereiche, für Ausscheidung, Zerstörung, Verwesung, Ästhetisierung des Unästhetischen. Über die Ironisierung des Kitsches und des schlechten Geschmacks kommen die Alltagskultur, das Populare und das Populäre über einen Umweg wieder in die Kunst hinein. Und der Filmemacher John Waters gibt dafür eine kluge Erklärung: „Um schlechten Geschmack zu genießen, braucht man einen sehr guten Geschmack.“

Bei der Schönheit und dem Schönheitszwang geht es aber wohl zuallerletzt nur um Ästhetik. Es geht dabei im Alltag, in der Kunst und daher auch in dieser universitären Lehrveranstaltung um die großen gesellschaftlichen Entwicklungen und Fragen: Körper und Disziplinierung, Körper und Sexualität, Körper und Medizin, Körper, Krankheit und Verfall, Körper und Tabu, Körper, Scham und Schamlosigkeit.

Im Rahmen dieser Lehrveranstaltung wird das Thema als Brennpunkt zentraler gesellschaftlicher, politischer und kultureller Fragen thematisiert. Ziel der Lehrveranstaltung sind die Öffnung des Denkens für spannende Fragen und Perspektiven, die Aufforderung, Vor-Urteile aufzugeben und die Chance zu neuen, fundierteren Überlegungen zu kommen.

Das Seminar bezweckt, KünstlerInnen und HistorikerInnen in eine interdisziplinäre Aktionsgemeinschaft zu bringen.

Themenbereiche für die Seminararbeit:

Seminararbeit:
Künstlerische Arbeit
oder
wissenschaftliche Arbeit auf Literaturbasis, eigenständige und originelle Erarbeitung oder
wissenschaftliche Arbeit auf der Grundlage von Feldforschung

Anmerkungen:
Einhaltung der Termine, Lektüre eines wissenschaftlichen Fachbuches zum Thema für die Fachliteraturbesprechung, Erstellung einer Seminararbeit (siehe Punkt Prüfungsmodus)


Created 2009-07-30, Last Update 2009-09-30