Kultur- und Geistesgeschichte - Seminar:
Der Bewertungswandel der Homoerotik von der Goethezeit bis um 1900 [SS 2003]
Donnerstag, 14:00-15:30, Seminarraum Kulturgeschichte (Franz-Josefs-Kai 5/1/9)

Ilija Dürhammer
Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften – Kunstpädagogik / Abteilung Kultur- und Geistesgeschichte
Tel: 0664-5212969   Fax: 71133-6509   email: ilija.duerhammer@chello.at


Auch der gesamte homoerotische Themenkomplex unterliegt natürlich in Zeiten großer gesellschafts- und kulturpolitischer Veränderungen dem Wertewandel. Dabei zeigt es sich, daß es darin freilich keine eindeutige Entwicklungslinie gibt – weder im Selbstverständnis homoerotisch bestimmter Künstler noch in der Wahrnehmung der anders denkenden und fühlenden Gesellschaft. In diesem Seminar soll hauptsächlich der deutschsprachige Raum in Anthropologie, Poesie, Musik und bildender Kunst näher betrachtet werden, in dem nicht zuletzt durch lange wirksame Gesetzgebungen zu unterschiedlichen künstlerischen Antworten führten. Die Freizügigkeit der Goethe-Zeit homoerotischer Ästhetik gegenüber fand um 1800 bereits eine herbe Reaktion – und das gerade durch Goethes liberalen Aufsatz über den Kunsthistoriker J. J. Winckelmann (1805), der durch die Anknüpfung an die Antike den Deutschen einen Weg geöffnet zu haben schien. In Romantik und Biedermeier wurde das Thema auf höchst komplizierte Weise durch ein mitunter ausgeklügeltes Chiffren-System weiter transportiert. In der Schweiz gab es einen ersten kaum gehörten Vorstoß in Richtung größerer Toleranz (H. Hössli – auch H. Zschokke). Erst ab der 2. Hälfte kommt es besonders in Preußen durch ein liberaleres Rechtssystem zu freizügigeren künstlerischen Formen; in Österreich gelang das erst durch Erkenntnisse der Psychoanalyse um 1900 (Musil, Hofmannsthal, Zweig ...).

Das Seminar versteht sich nicht vordergründig als ein nachträgliches »Outing« verstorbener künstlerischer Persönlichkeiten, sondern will anhand dieses Themas den sehr komplizierten Vorgang künstlerischer Bewältigungen in verschiedenen Werte-Systemen zeigen – unabhängig von der eigenen Veranlagung der einzelnen Künstler.


Created 2003-02-24, Last Update 2003-03-03