Kultur- und Geistesgeschichte – Vorlesung:
Gegenwart und Geschichte des textilen Mediums I [WS 2005/06]

Freitag, 14:30-16:00, Seminarraum Kulturgeschichte (Franz-Josefs-Kai 5/1/9)

Sigrid Pohl
Institut für Kunstwissenschaften, Kunstpädagogik und Kunstvermittlung / Abteilung Kultur- und Geistesgeschichte
Tel: 71133-2742   Fax: 71133-6509   email: pohl@cemooh.com


Die spezifische Medialität des textilen Materials, das sich gleichsam aus der Immaterialität von der Faser über den Faden zum Gewebe verdichtet und die dem Material innenwohnenden Qualitäten wie das Sinnliche, Flexible und Vergängliche bilden den Ausgangspunkt für exemplarische Hinweise auf die Bedeutung des Materials für das Leben des Menschen. Auf Grund ihrer Eignung zur Hüllenbildung dienen Textilien dem Menschen gleichsam als zweite und dritte Haut, ihre Funktion als Zeichen und Symbolträger inspirierte den Menschen seit jeher, textile Materialien für künstlerische Aussagen heranzuziehen.

Wörter, die Tätigkeiten und Gegenstände wie Weben, Wirken, Spinnen, Schleier, Gewebe bezeichnen, werden als Metaphern in Philosophie und Mythos gebraucht. Dies kann als Hinweis betrachtet werden, dass das Textile schon in frühester Menschheitsgeschichte einen bedeutenden Anteil an unserer materiellen Kultur hatte. In der Lehrveranstaltung wird ein Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart gespannt, indem Einblicke in die kulturgeschichtliche Entwicklung von textilen Werkzeugen und Geräten, den Ursprung und die Eigenschaften textiler Materialien sowie in den Wandel der Schnittkonstruktionen gegeben werden.

Von Theorien über den Ursprung der Kleidung in der Frühzeit des Menschen ausgehend, werden die Mechanismen des Phänomens Mode in der Gegenwart wie z.B. der Modewandel und seine kulturgeschichtliche Bedeutung erörtert. Mode ist ein Mittel des menschlichen Differenzierungswunsches, ein Mittel der Kommunikation und leistet einen wichtigen Beitrag zur Identitätsbildung. Kleidung als notwendiger Gebrauchsgegenstand aber auch als Designprodukt ist Gegenstand der Auseinandersetzung.

Die Ausdrucksfähigkeit des textilen Materials hat zahlreiche Künstler vor allem in der 2. Hälfte des 20. Jahrhundert bewogen, ihre Anliegen mittels textiler Materialien zu realisieren. Neben ihrer Formbarkeit und Flexibilität wird vor allem der verletzliche und vergängliche Charakter organischer Materialien in Analogie gesetzt zur Begrenztheit des menschlichen Leben. Die Auseinandersetzung mit bedeutenden Werken der Kunst vom Modernismus bis zur Gegenwart beschließt den Überblick über die vielfältigen Bereiche des Textils und hebt seinen Wert und seine Bedeutung für die Kultur in Vergangenheit und Gegenwart hervor.


Created 2005-08-31, Last Update 2005-09-19