Kultur- und Geistesgeschichte – Proseminar:
Das Gesamtkunstwerk als Gegenentwurf zur Aufklärung [SS 2006]
Mittwoch, 10:30-12:00 Uhr, Seminarraum Kulturgeschichte (Franz-Josefs-Kai 5/1/9)

Ilija Dürhammer
Institut für Kunstwissenschaften, Kunstpädagogik und Kunstvermittlung / Abteilung Kultur- und Geistesgeschichte
Tel: 71133-6502   Fax: 71133-6509   email: Ilija.Duerhammer@uni-ak.ac.at


Für die Entwicklung großer, ganzheitlich erscheinender Welt-Bilder und -Anschauungen wählten Dramatiker, Romanciers, Komponisten und Filmemacher immer wieder mehrteilige Großformen, um in sich dramaturgisch abgeschlossene, aber im Gesamtkontext miteinander in Beziehung stehende Einheiten zu realisieren. In der griechischen Antike hat diese Kunstform ihren Ursprung, im attischen Tragödien-Dichterwettstreit war sie conditio sine qua non. Allerdings ist nur eine vollständige Trilogie aus der Antike erhalten.

In der Aufklärung, die die Aufspaltung in Einzeldisziplinen innerhalb der Künste und Wissenschaften gebracht hat, war das Gesamtkunstwerk kaum ein Thema. Bezeichnenderweise tritt sie also wieder in der Reaktion auf die Aufklärung in den Mittelpunkt des Interesses. Im 19. Jhdt. versuchte die klass. Philologie Fragmente zu vervollständigen, Richard Wagner aber griff zur Form der Tetralogie, um in vier Opern (Der Ring des Nibelungen) seine Weltsicht zu manifestieren: in Form einer Neudeutung des Mythos und der antiken Tragödie. Friedrich Hebbel behandelte in seiner Trilogie denselben Stoff, während Thomas Mann in seiner Josephs-Tetralogie (und Broch in seiner Schlafwandler-Trilogie) die moderne Weiterführung in die Romanform schuf, die in Tolkiens monumentalem Werk Lord of the Rings, nicht zuletzt durch die Verfilmung, in die unmittelbare Gegenwart fortwirkt.

Es wird ein historischer Überblick über dieses Phänomen geboten und erwartet, dass die SeminarteilnehmerInnen mit Hilfestellungen eigene Einblicke in von ihnen ausgewählte Kunstwerke nehmen.


Created 2006-02-13