Maria Bußmann.
Mystik in der gegenstandslosen Malerei.
Wien: Universität für angewandte Kunst Wien – Diss.phil. 2000

 
[Publikation: Bußmann, Maria (2008). Die Mystik in der gegenstandslosen Malerei am Beispiel von Kasimir Malewitsch, Barnett Newman und Mark Rothko (= Angewandte Kulturwissenschaften Wien. 9). Wien: Edition PRAESENS; ISBN 978-3-7069-0455-1, brosch., 198 S.; Verlagsinfo | www.amazon.de; ; Inhalt & Vorwort PDF
Buchpräsentation: 15.10.2008, Einladung PDF ]


Kurzfassung | Abstract

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Kurzfassung:

Die Verbindung von Mystik und Gegenstandslosigkeit in der Malerei im Titel der vorliegenden Arbeit scheint zunächst eine gewollte, aber dennoch offensichtliche zu sein. Das Leerwerden, Freiwerden, wie es in den Meditationen der Religionen angestrebt wird, ist doch stets ein Freiwerden für das Wesentliche. Auch in der Kunst geht es um das Wesentliche. So einfach dies alles klingt, so schwer faßbar sind die Begriffe, mit denen ein Beschreiben versucht wird. Die Fülle der Literatur - allein über Mystik - beweist dies.

Ziel der Arbeit ist es, den Überschneidungsbereich zwischen gegenstandsloser Malerei und Mystik näher zu betrachten (der Grundbedeutung von griechisch qeorein folgend, in welcher sehen steckt) und dies in Hinblick auf die Grundlagen, unter Einbeziehung von Primärquellen. Weniger geht es darum, Spuren des Transzedenten oder Religiösen in moderner Kunst überhaupt nachzuweisen, wie es wiederholt in Ausstellungen und Publikationen geschehen ist.

Die Herangehensweise an das Thema erfolgt über eine begrenzte Anzahl von Vertretern der gegenstandslosen Malerei. Um eine Gerade zu definieren, bedarf es zunächst nur zweier Punkte. Es ist nicht nötig, alle Punkte dieser Geraden zu kennen, um eine Aussage über ihre Lage treffen zu können. So ist auch die Beschränkung auf nur drei Maler Malewitsch, Newman und Rothko zu verstehen. Ein Kriterium für die Auswahl eben dieser Maler lag allerdings in der Radikalität ihres künstlerischen Ansatzes. Das Quellenmaterial (mit der Ausnahme der noch immer in russischen Archiven verschollenen Texte Male-witschs) ist sehr gut dokumentiert. Es ging nicht darum, neue Quellen zu erschließen, sondern die vorhanden unter dem besonderen Blickwinkel der Mystik näher zu betrachten, um die Aufmerksamkeit auf jene Details zu lenken, die üblicherweise in Fußnoten verschwinden oder überhaupt nicht thematisiert werden. Anhand von Bildern, die jeweils eine Schlüsselrolle innerhalb des Gesamtwerks einnehmen, werden Verbindungen und Bezüge zur Mystik aufgezeigt sowie Weiterentwicklungen von ehemals mystischem Gedankengut rekonstruiert. Als Meßlatte dient ein vor allem aus dem jüdisch-christlichen Mittelalter hergeleiteter Mystikbegriff. Diese Beschränkung hat folgende Gründe: die ausgewählten Maler (auch die Emigranten Rothko und Newman) entstammten der jüdischen oder christlichen Religion, die bis heute unseren Kulturkreis entscheidend prägt; ebenso ist die gegenstandslose Malerei für sich betrachtet ein "Ergebnis" der westlichen-abendländischen Kunst.

Die Hinzunahme der fernöstlichen Mystik wäre nur unter der Gefahr der Verflachung des Blickes von außen möglich gewesen und wurde daher ausgeklammert. Eine Eingrenzung des Themas ist in Anbetracht der Fülle des Materials unbedingt notwendig.

Der erste Teil der Arbeit befaßt sich zunächst ausschließlich mit der Mystik, ihren Wurzeln und Hauptmerkmalen, die einem historischen Wandel unterliegen. Stets wurde versucht, Autoren der Mystik aus Primärquellen zu zitieren. Punkt zwei stellt einen erweiterten Mystikbegriff auf, der aus dem vorher erarbeiteten (mittelalterlichen) Mystikbegriff abgeleitet wird. Ab Punkt drei geht es um die Künstler und ihre Werke. Der Zugang zur Mystik im Werk eines Künstlers muß stark biographisch orientiert sein, andernfalls wäre im Falle der gegenstandslosen Malerei immer alles beweisbar, da hinein-lesbar. Häufig ist das, was Künstler selbstüber ihr Werk beziehungsweise ihr Leben aussagen, nicht als kunstgeschichtliche Abhandlung gedacht gewesen und daher auch nicht mit einer solchen zu verwechseln, das heißt mit Vorsicht zu behandeln.

Die vorliegende Arbeit verfolgt vor allem zwei Ziele: Erstens, eine tiefere und genauere Untersuchung dessen durchzuführen, was im Bezug auf gegenstandlose Malerei gemeinhin unter dem Adjektiv mystisch subsummiert wird und meist einer Verlegenheit entspringt. Zweitens wurde eine Rückführung und Wiedereinbindung von scheinbar losgelösten Begriffen der Kunstbetrachtung wie Aura, Sublimes, Grenzüberschreitung etc. an ihren früheren phi losophisch-theologischen Ursprung unternommen. Nur so kann die Vokabel mystisch zu einer reellen Bezugsgröße im Hinblick auf Malerei werden. Beide Ziele dienen auch der Schärfung des Blickes bezüglich Mystik-verwandter Phänomene und wollen als Hilfe zur Scheidung der Geister verstanden sein. Mit der Einsicht etwa, was Mystik eben nicht (mehr) sein kann, wird so am Schluß der Arbeit die Öffnung zu ähnlichen, mystizistischen, para-mystischen Kunstformen zur sinnvollen weiterführenden Diskussion gestellt.


Abstract:

The connection between mysticism and abstraction in painting as suggested in the title of this thesis is both illusory and obvious.

To become empty, like the meditations of all religions counsel, brings one to the essential. Art can do the same albeit via different mechanisms. As easy as all this sounds, is as difficult and contradictory are the terms which might inscribe the proccesses. The mountain of controversy about mysticism shows this. The aim of this thesis is to look closer at the tangential points between abstract painting and mysticism (following the basic meaning of the greek qeorein, which contains to look at) in the context of primal sources. The pursuit of this theme is conducted through a limited number of representative abstract paintings.

To define a straight line, only two points are needed. There is no need to know all points of the line to tell something about it's position. In the same way, the limitation to three painters, Malewitsch, Newman and Rothko, will suffice to map the line of this thesis. The chief critereon for choosing these particular artists was their radical account of basic artistic gestures. There is plenty of material about these artists (except some lost writings of Malewitsch in Russian archives). It's not the point of this work to find new sources, but rather to look at this existing body of work under the aspect of mysticism in order to bring out details which usually disappear in the "small print" and footnotes.

With the help of key paintings, organic links to mysticism will be revealed and reconstructed from their middle age roots. I have narrowed the sense and application of the term mysticsm to the Judaeo-Christian middle ages, for the following reasons: the chosen painters (although having eventually immigrated to the united States) have euro-judaic or christian origins, which continue to influence contemporary culture. Also abstract painting per se is an outgrowth of western-occidental art in particular. To also incorporate eastern Mysticism would have risked an over-simplified view from outside. This was to be avoided.

The first part of this work deals with mysticism - it's roots and main attributes which have changed with history. It was always required to show the primal texts of mystics. The provisional findings of the thesis (in chapter two)here present a larger concept of mysticism by working with the already existing outcome.

Chapter three deals with the artists and their work. The access to mysticism in an artist's work must be orientated by his biography, if not, everything in the case of abstract painting would be "provable". Often the texts and words said by the artists themselves are not meant as scientific descriptions and should not be taken as essays about art. These texts need a special treatment.

The thesis mainly prosecutes two aims: First, a deeper and clearer research of that what is generally spoken or summarized under the adjective "mystical" in the connection with abstract painting and which is often born of ignorance or naivete. Secondly, a reconstruction of "untied/free"terms of art theory such as aura, sublime, radial (ground-breakings), back to their former philosophical-theological origin. By doing this, the vocable "mystical" can become again a real scale for art-discussion and thereby sharpening the view for the distincion in similar phenomena.

Knowing what mysticism can not be, the thesis shows new doors to understand, divide and distinguish what is only close to mysticism and what is para-mysticism in art.


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