Sabine, Prokop.
παντα ρει oder „Ich glotz’ TV“. Subjektive Eindrücke von Fernsehen am Ende des 20. Jahrhunderts
Wien: Universität für angewandte Kunst Wien – Diss.phil. 2004

 
[Publikation: Prokop, Sabine (2010). Bevor Big Brother kam. Über das Fernsehen am Ende des 20. Jahrhunderts (= Angewandte Kulturwissenschaften Wien. 16). Wien: Edition PRAESENS; ISBN 978-3-7069-0524-4, 332 S., brosch.; Verlagsinfo | www.amazon.de | Inhalt & Vorwort PDF || Buchpräsentation: Oktober 2010 ]


Kurzfassung | Abstract

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Kurzfassung

Die für diese Arbeit grundlegende Fragestellung ist, welchen Mechanismen die RezipientInnen des Fernsehens ausgesetzt sind und ob beziehungsweise wie diese umgangen werden können Dabei wird von einem reversiblen Verhältnis zwischen Mensch und Apparat ausgegangen, wobei zum Apparat des Fernsehens auch Produktions- und Vermarktungsbedingungen zu zählen sind.

Identifikation

Wie in der Apparatustheorie dargestellt werden die ZuseherInnen durch den traditionellen kinematografischen Apparat – und in der Folge durch den des Fernsehens – nicht so sehr zur Identifikation mit dem dargestellten Geschehen, als viel mehr mit denen, die dieses Geschehen inszenieren, gebracht. Die RezipientInnen nehmen die Position der Kamera ein und halten für bewegte Realität(swiedergabe) was sehr reduzierte Darstellungen von Teilaspekten sind. Diese können erst dann als Film oder Video rezipiert werden, wenn der immense, zur Herstellung von Kino- und Fernsehfilmen nötige Personen-, Arbeits- und Geräteaufwand geleistet worden ist. Dieser Prozess der Transformation des so genannten Realen wird jedoch weitgehend verschleiert.

Faszination

Für die Faszination, die die Filmleinwand und auch der TV-Bildschirm ausüben, gibt es verschiedene Erklärungsangebote. Bereits die ersten Film- und Kinotheorien haben das Spezifische des Mediums am Blick festgemacht und thematisierten die Schaulust in Anlehnung an Freuds Theorie des Voyeurismus. Doch – abgesehen vom tendenziell neurotischen – welches Vergnügen ist in der Fernsehrezeption möglich? Die Anwendung der Theorie der Textproduktion ist bei der Beantwortung dieser Frage hilfreich.

Populäre Texte

Mediensemiotik und Cultural Studies gehen von Texten aus, die offene, dynamisierte, und keinesfalls glatt oder reibungslos vor sich gehende Prozesse darstellen. So wird ein von den TV-Sendeanstalten ausgestrahltes Programm im Moment der Rezeption zum Text, d. h. zum Produkt seiner LeserInnen. Dabei aktiviert es in Interaktion mit seinen ZuseherInnen einige der encodierten und somit kulturell zur Verfügung stehenden potenziellen Bedeutungen. In der Bedeutungsproduktion während dieses Rezeptionsprozesses gewinnen soziale Identität und Alltagswelt der RezipientInnen an Relevanz – wodurch die in der Apparatustheorie diskutierten restriktiven Strukturen relativiert werden können. Denn ein Text kann nur Beziehungen und Ähnlichkeiten zwischen den verschiedenen diegetischen Welten suggerieren (das allerdings auf vielen komplexen Ebenen), es ist ihm hingegen nicht möglich, die Verknüpfungen, die die RezipientInnen herstellen, festzulegen. Populär kann allerdings nur werden, was einen oder mehrere Subtexte anbietet und auch Lesen ‚gegen den Strich‘ möglich macht. Dennoch sind in den Massenmedien gewisse Regelmäßigkeiten und strukturelle Ähnlichkeiten vorhersagbar. Und es kann nicht ignoriert werden, dass durch die weitgehende Gleichschaltung der Masse der TV-RezipientInnen verschiedene kulturelle Bereiche verloren gehen, beziehungsweise aus den Diskursen hinausgedrängt werden.

Lesesubjekte

Da jeder Text seine spezifische LeserIn produziert, erschafft der nach männlichen Kriterien strukturierte Film ein nach männlichen Strukturen konstruiertes Lese-subjekt, egal ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Wie sieht nun eine Frau fern? Mit männlichem Blick? Wenn eine Frau nicht mit dem männlichen Blick fernsehen und männlich strukturiertes Vergnügen empfinden will, also nicht in die Position eines „white, male, middle-class American (or westerner) of conventional morality“ (Fiske 1987: 11) gedrängt werden will, so fordert das von ihr – und allen anderen, die nicht diesem Vor-Bild entsprechen – eine Menge zusätzlicher Dekodierungsarbeit.

Vergnügen

Im Vergnügen, das auch in der TV-Unterhaltung entstehen kann, wird von den feministischen Wissenschaften und den Cultural Studies die Möglichkeit vermutet, Widerstandspotenzial gegen repressive sozio-kulturelle Strukturen zu entwickeln. Vergnügen kann einerseits in der Freude des Wiedererkennens entstehen. Wiedererkennen findet sich laufend im Fernsehen, das sich ständig auf sich selbst – und den medial konstruierten Alltag – bezieht. Doch gerade dieses dicht vernetzte Agieren innerhalb des (erweiterten) Apparats macht es nicht zur Quelle des Widerstandspotenzials gegen die in eben diesen Apparat eingeschriebenen Strukturen. Andererseits lösen TV-Texte subjektive Assoziationen aus, sie bringen persönliche Wünsche ins Spiel oder erinnern an womöglich ganz fern liegende Dinge. Hier ist eine Möglichkeit verortet, motiviert zu werden, die soziale Ordnung zumindest konfliktbereit zu verstehen.

Vergnügen entsteht auch im subjektiven ‚Weiterschreiben‘ der populären TV-Texte. Die dabei aktivierte Fantasie ist ein relativ unabhängiger Bereich. Das eventuelle Bewusstmachen der Differenz zur dominanten Ideologie der sozialen Ordnung in der Fantasie wäre ein möglicher erster Schritt zum Widerstand.

Die Beschränkung des Vergnügens auf das private und persönliche Leben und die Verweiblichung des Vergnügens – forcierte seine Artikulation in Körper und Gefühlen. Körperliches Erleben und Vergnügen ist somit auch ein dezentralisierter Teil des gesellschaftlichen Konsenses. Dadurch können die RezipientInnen innerhalb der dominanten apparativen Strukturen etwas leichter eine gewisse Macht über ihre subjektive Bedeutungsproduktion gewinnen.


Abstract

The main question of this thesis is: to which mechanisms is the TV audience exposed? Secondarily it is asked: how is it possible to avoid certain structures?

Identification

The apparatus theory assumes a reversible relationship between men and apparatus, whereas the conditions of production and commercialization are part of the cinematographic apparatus. It makes TV watchers (as well as cinema audiences) identify with the staging part of the events, that is, the position of the camera, and not with the event itself.

Recipients believe they are seeing reality on screen, respectively its reproduction. Nevertheless it is just a matter of rather reduced aspects of reality. And to be able to receive these details as film or video, the immense effort of staff, time and tools, which are necessary to produce a film or TV program, have to be made invisible.

Fascination

Since the first film theories the gaze and the pleasure of looking is the center of interest. Freud’s theory of voyeurism was held liable for the fascination of film. But what kind of pleasure is possible to experience while watching TV?

Popularity

Cultural studies and media semiotics use the theory of text production to answer this question. The concept of text says that texts are open and dynamic processes and products of their readers. In interaction with their audience they activate some of the encoded and thus culturally available potential meanings. Within the process of production of meanings the recipient’s social identity and her/his everyday life are of growing relevance. To become popular, texts have to offer subtexts and the possibility to read against the grain. Thus the restrictive structures of the apparatus can be relativized.

Pleasure & Resistance

Within the pleasures that emerge from TV entertainment feminist sciences and cultural studies presume a potential for resistance against repressive social structures. Pleasure may arise from recognizing familiar content, which is very common on TV as it is habitually referring to itself. But this is no way out of the media’s structures. On the other hand TV texts give space to subjective associations, wishes or remote thoughts. Here the motivation is assumed to understand the social order in a way at least ready for conflict.

Pleasure can be expressed in body and emotions. It is confined to private and personal life and the feminine domain. Thus it is a decentralized part of our society. Consequently, TV recipients can gain some power over their production of meanings (and pleasures) within the dominant structures of the apparatus.


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Copyright © 2004/2010 Sabine Prokop | Created 2009-06-24; Last Update: 2010-06-09