Mateus, Ruth.
Fasching und Faschismus. Ein Beispiel. Faschingsumzug 1939 in Wien.
[mit 2 CD-ROMs: Dissertation als pdf-file + Datenbanken: Faschingsumzüge in Wien & KünstlerInnen]
Wien: Universität für angewandte Kunst Wien – Diss.phil. 2002

 
[Publikation: Mateus-Berr, Ruth (2007). Fasching und Faschismus. Ein Beispiel. Faschingsumzug 1939 in Wien (= Angewandte Kulturwissenschaften Wien. 8). Wien: Edition PRAESENS; ISBN-10 3-7069-0451-9, ISBN-13 978-3-7069-0451-3; 332 Seiten, brosch., mit SW-Abb.]; Verlagsinfo, www.amazon.de
Buchpräsentation: 2007 [Einladung PDF ]


Kurzfassung | Abstract

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Zusammenfassung

Auch wenn Fasching und Faschismus nicht auseinander hervorgegangen sind, sind sie 1939 in eins zusammengefallen. Faschingsumzüge in Wien konnten zwar in ein paar Randbezirken auf eine gewisse Tradition zurückblicken, wurden aber 1939 als Initiation in die nationalsozialistische Volksgemeinschaft inszeniert. Die nationalsozialistische Gemeinschaft KdF veranstaltete im Februar in sämtlichen Wiener Kreisen Faschingsumzüge und Faschingsveranstaltungen, um den Wienern und Wienerinnen wieder ein befreites Lachen zu bescheren. Bei diesen Veranstaltungen wurde gegen Juden gehetzt und Politiker aus dem Ständestaat verhöhnt. Dazu zählten der christlichsoziale Politiker Otto Ender und der Landeshauptmann Josef Reither. Beim großen Künstler-Faschingsumzug am 19. 2. 1939 wollte man an die Umzugstradition von Hans Makart anknüpfen und beauftragte Wiener Künstler und Künstlerinnen mit der Gestaltung des Faschingsumzuges. Neben Ermahnungen, nicht zu „meckern und zu raunzen“, das neue Regime nicht zu kritisieren, gab es disziplinierende Verweise auf die neue Verkehrsordnung an die man sich zu halten habe. Zudem wurden weitere ständestaatliche Politiker wie Engelbert Dollfuß und Wilhelm Miklas denunziert. Besonders hervorstechend und einmalig im faschistischen Karneval war die Darstellung des Gauleiter Josef Bürckel als „Maria Theresiendenkmal in neuer Form“. Nur in Wien wurde ein hochrangiger nationalsozialistischer Politiker im Fasching auf diese Art und Weise verhöhnt. Nicht Ansätze zum Widerstand sondern parteiinterne Querelen dürften für diese Form Anlass gewesen sein. Ob es sich dabei nun um eine „Denkmalverschiebung“ handelte, wie beim Faschingsumzug des Alt-Wiener Bundes 1938 und man (die österreichischen Nationalsozialisten) den Gauleiter gerne verschieben-abschieben wollte oder ob man auf seine erhabenen Machtansprüche anspielen wollte ist aus der heutigen Sicht nicht nachvollziehbar.

Die verantwortlichen Personen, die bei der Umzugsgestaltung 1939 mitwirkten waren in manchen Bereichen vernetzt.
Zum einen gab es eine Gruppe von „Faschingserfahrenen“, wie Roux, Geyling und Wilfert, die in verschiedenen Veranstaltungen immer wieder zusammenarbeiteten. Geyling hatte mit Wilfert die künstlerische Leitung für das Deutsche Sängerbundfest 1928 über. 1939 hatten Geyling, Wilfert und Roux die künstlerische Leitung des Umzuges 1939 inne. Roux beantragte bereits 1938 die NSDAP- Mitgliedschaft, wurde aber erst 1940 aufgenommen. Wilfert wurde 1938 in die NSDAP aufgenommen. Von Geyling fehlen die zur Beweisführung notwendigen Gauakten.
Roux gestaltete 1939 zumeist als Einzelgänger neben den „harmlosen“ „Wiener Bildern“, die hochpolitische Gruppe „Leuchten des Systems“, in der mit Schuschnigg, Miklas, Dollfuß und Josef Reither abgerechnet wurde. Bereits 1938 konzipierte er eine Gschnasrevue in der Sezession mit dem Titel „Entartete Kunst“. Roux war Mitglied des Hagenbundes, der Sezession und des Künstlerhauses. Er war auch nach 1945 etablierter Staatskünstler, wurde mit dem Ehrenpreis der Stadt Wien und dem österreichischen Staatspreis ausgezeichnet.
Wilfert war im Vorstand des Männergesangvereines, NSDAP-Mitglied und hatte bereits 1928 beim sehr deutschnationalen Sängerbundfest in leitender Position mitgewirkt. Vizebürgermeister Blaschke war sein Gewährsmann für die Aufnahme in die NSDAP. Hermann Neubacher, Obmann des österreichisch-deutschen Volksbundes, trat bei seiner Ansprache beim Sängerbundfest 1928 vehement für das Selbstbestimmungsrecht Österreichs ein. Am 13. März 1938 wurde Hermann Neubacher von Bundeskanzler Seyß-Inquart zum Bürgermeister und SSSturmbannführer Dipl. Ing. Hanns Blaschke zum Vizebürgermeister von Wien bestellt. Franz Frank gestaltete gemeinsam mit Wilfert den Umzugswagen der Siemenschöre beim Deutschen Sängerbundfest 1928 in Wien.
Nordegg, der 1938/39 bei Pirchan studierte, Mitglied der SA und SS war, wurde mit dem Umzug 1939 betraut, ebenso wie die Abteilung „Szenische Kunst“, die Popp und Pirchan leiteten.
Der Studentenführer Exner und Schnall kannten einander von der Studentenvertretung.
Weiters beteiligten sich einige Bildhauer aus der Bildhauerklasse Müllner. Müllner „supplierte“ 1938-1940 die Meisterklasse Bechtold. Dieser war als „entarteter Künstler“ entlassen worden. Müllner entwarf nicht nur das Luegerdenkmal, er war auch Schöpfer der Hitler-Büste für die Aula der Akademie der bildenden Künste in Wien. Zu seinen am Umzug 1939 beteiligten Studierenden zählten Kubiena, Eichberger, Hafenrichter, Barwig, Crepatz, Rusch und Willersdorfer.
Requeni, Nordegg und Weber arbeiteten mit Otto Cermak in einer Arbeitsgemeinschaft und beteiligten sich 1939 am Reichsberufwettkampf zu dem NS-Propagandathema: Autozug Grenzlandbühne.
Ebenso gab es Kontakte über die Sezession (u.a. Popp, Roux), das Künstlerhaus (u.a. Geyling, Roux) und das Burgtheater (u.a. Volters). Der Burgtheaterschauspieler Eduard Volters war Lehrbeauftragter für angewandte Regie an der Akademie der bildenden Künste von 1943-45 und wirkte schon vor dem Anschluß bei zahlreichen Sezessionsrevuen mit Oswald Roux mit.

Die Kaiserin Maria Theresia wurde von den unterschiedlichsten politischen Gruppierungen in der ersten Republik, im „Austrofaschismus“ und im Nationalsozialismus als weibliches Pendant zu Nietzsches „Übermenschen“ dargestellt. Mit ihrer Aufgabe, die österreichischen Territorien zusammenzuhalten und ihre Mutterschaft von sechzehn Kindern erfüllte sie sozusagen perfekt männliche wie weibliche Eigenschaften. Ihre weiblichen Fähigkeiten wurden im Nationalsozialismus hervorgehoben und ihre männlichen im Hintergrund als notwendig und essentiell geduldet. Maria Theresia wurde als politisches Symbol, als Stammmutter, Idol der Österreicher und Österreicherinnen verwendet, die sich mütterlich um ihre Kinder und ihr Volk sorgte, Kriege führte, und die es ebenso verstand auf Faschingsbällen zu tanzen und sich zu amüsieren. Was die Gender-Maskerade von Gauleiter Bürckel als Maria Theresia betrifft, ist zu bemerken, dass der Gauleiter hauptsächlich in seiner Person mit einem weiblich konnotierten Denkmal ausgetauscht wurde und auf diesem, wenn auch etwas dekadent, so doch gestisch und mimisch und kleidungsmäßig männlich dargestellt wurde. Hingegen wäre im Karneval eine Vertauschung der Geschlechter auch in ihrer Kleidung ein durchaus gängiger Passus gewesen. Hätte man dies allerdings 1939 auf diese Weise umgesetzt, hätten die Betrachter des Umzuges darunter auch eine Anspielung auf eine vielleicht homophile Tendenz des Gauleiters verstehen können und das wäre trotz spitzer Anspielungen auch für österreichische Nationalsozialisten eine zu große Gefahr gewesen. Der Typus der Sitzfigur geht in der Denkmalgeschichte ausserdem auf antike Philosophenbildnisse zurück, also könnte es als eher außergewöhnlich betrachtet werden, dass man eine große Kaiserin in dieser Pose darstellte. Der Name des Denkmals und somit auch der Kaiserin Maria Theresia wurde für den Faschingsumzug 1939 beibehalten und war daher auch von Bedeutung. Hingegen waren die Gestalter und Gestalterinnen des Künstler-Faschingszuges 1939 diejenigen, die im Faschismus ihrem individuellen Profit nachjagten und zum Teil eines Volkskörpers im Wiener Volksfasching wurden, der seine Lust aus dem Hass auf sämtliche „Minderheiten“ bezog - die es zu demütigen und zu vernichten galt: die Juden und ständestaatliche Politiker. Diese Idee, dass der Fasching die Zeit der Travestien, nach dem Faschismus die Zeit der Aufhebung jener Travestien sei, wurde in Wahrheit von den Siegern erzwungen. Das Beispiel Faschingsumzug 1939 zeigt manche entlarvende Geschichte von flinkem Kleidungswechsel. Die meisten der Hauptverantwortlichen waren NSDAP-Mitglieder und auch nach 1945 etablierte Staatskünstler. Oswald Roux, der bereits 1938, vor dem „Anschluss“, in der Sezession eine Gschnasrevue mit dem Thema „Entartete Kunst“ inszenierte, NSDAP Mitglied war, rechnete im Umzug mit den ständestaatlichen Politikern ab und zeichnete sich mit Wilfert und Geyling als verantwortliche Umzugsgestalter aus: Roux erhielt den Ehrenpreis der Stadt Wien und den österreichischen Staatspreis. Emil Pirchan, der mit Alexander Popp die Klasse für „szenische Kunst und Festgestaltung“ an der Akademie der bildenden Künste leitete, saß sogar 1945 in der Entnazifizierungskommission, obwohl er, wenn auch nicht als Parteimitglied, so doch mit den Nationalsozialisten kollaborierte. Auch in der Fasnacht des „Altreiches“ gestalteten weitaus bekanntere Persönlichkeiten, wie Karl Valentin, den Faschingsumzug für die Nationalsozialisten und werden bis heute in diesem Aspekt unkritisch dargestellt.


Abstract

Even if carnival (“Fasching”) and fascism (“Faschismus”) do not have any semantic relation in the german language, they combined in 1939. Carnival parades have been traditionally celebrated in a few suburban districts of Vienna but then have been put on stage as the initiation into the national-socialist community. February 1939 the national-socialist community KdF organised carnival parades in all Viennese districts to increase and stimulate the relieving laughter of the Viennese population. During these events the Jewish population was always blamed and political representatives of the “Austrofascism” were deeply derided. Otto Ender, a catholic-socialist politician, and Governor Josef Reither were two of them. On Feb 19, 1939 during the popular carnival parade of the artists it was intended to continue the traditional parade of Hans Makart, Viennese artists were appointed with the design and decoration of the carnival parade. Among warnings not to moan and grouch about the new regime and not to criticise it, there were disciplinary instructions to keep and respect the new traffic regulations. Additionally other politicians belonging to the “Austrofascists” like Engelbert Dollfuß and Wilhelm Miklas were denunciated. The presentation of Gauleiter Josef Bürckel as “monument of Maria Theresia in a new form” during the fascist carnival was particularly unique and underlining. Only in Vienna it happened that a high-ranking national-socialist politician was jeered at this level. Reason for such attitude wasn’t first signs of resistance but internal disputes of the party, whereby from today’s view it is not understandable whether this behaviour was a kind of “shifting the monument” as it happened during the carnival parade of the Alt-Wiener Bund on 1938 – the Austrian National-Socialists wanted to get rid of the Gauleiter – or someone wanted to refer to his expectations of power.

Responsible persons who participated on the conception of the parade were linked to several areas. On the one side there was a group of carnival experts such as Roux, Geyling and Wilfert who cooperated regularly in different events. Geyling together with Wilfert executed the artistic direction of the German Sängerbundfest (festival of popular singers) in 1928. Geyling, Wilfert and Roux led the parade of 1939. Already in 1938 Roux made an application to become a member of the NSDAP (national socialist democratic workers party), but he was accepted in 1940 only. Wilfert became a member in 1938. Documents required to become a member to the party were missing for Geyling. 1939 Roux most of the time designed as a single person, besides the “harmless” “Viennese pictures”, the highly political group “lights of the system” in which he got even with Schuschnigg, Miklas, Dollfuß and Josef Reither. Already 1938 he invented a carnival revue at the Secession denominating it “degenerated art”. Roux was member of the Hagenbund, of the Secession and of the Künstlerhaus. Also after 1945 he was an established public artist and was rewarded with the Honour Award of the City of Vienna and with the Austrian State Award. Wilfert was member of the board of the Männergesangverein, member of the NSDAP and started already in 1928 to have a leading position of the very nationalist Festival of Singers Association. Vice-mayor Blaschke was his mentor for his acceptance in the NSDAP. Hermann Neubacher, president of the Austrian-German National Singers Association, heavily supported the right of autonomy for Austria during his opening speech of the Festival of Singers Association 1928. March 13, 1938 Hermann Neubacher was appointed as Mayor by Chancellor Seyß-Inquart and SS-Sturmbannführer Dipl.Ing. Hanns Blaschke became Vice-mayor of Vienna. Franz Frank together with Wilfert designed the parade-trek of Siemens’s choir for the German Festival of the Sängerbund 1928 in Vienna. Nordegg who studied with Pirchan in 1938/39, a member of the SA and SS, was charged with the organisation of the parade as well as the department “Scene Art” directed by Popp and Pirchan. Student leaders Exner and Schall knew each other from the student representations. In addition a few sculptors from the sculpture class Müllner participated on the organisation, too. Müllner assisted the master class of Bechtold who was dismissed because belonging to “degenerated artists” from 1938 to 1940. Müllner not only executed the concept design for the Lueger-monument but was also the creator of the Hitler-portrait in the main hall of the Academy of Fine Arts. Students participating to the parade 1939 were Kubiena, Eichberger, Hafenrichter, Barwig, Crepatz, Rusch and Willersdorfer. Requeny, Nordegg and Weber worked together with Otto Cermak in a working cooperative and participated on the National Profession Competition 1939 about the propagandistic theme of the National-Socialists. Additionally there were contacts through the Secession (a.o. Popp, Roux), via the Künstlerhaus (a.o. Geyling, Roux) and the Burgtheather (a.o. Volters). The actor of the Burgtheather, Eduard Volters, was instructor for applied direction at the Academy of Fine Arts from 1943 to 1945 and cooperated with Oswald Roux for several carnival-shows of the Secession before the “Anschluss”.

Empress Maria Theresia was described by the very different political groups during the First Republic, during the “Austrofascist period” and during the National Socialism period as the female representative to the “superman” (“superwomen”) of Nietzsche. With her tasks to keep control about the Austrian territories and to be mother of sixteen children she perfectly fitted with male and female features. Her female abilities were emphasised during the National-socialism and her male’s were tolerated at the backstage to be necessary and essential. Maria Theresia has been used as political symbol as mother of tribe, idol of the Austrians caring attentively like a mother her children and the population, executing wars, as well as a person who understands to dance on carnivals and to amuse herself. It is to mention that referring to the Gender-masquerade of Gauleiter Bürckel as Maria Theresia the Gauleiter mainly exchanged in his position as the female related monument. Although decadent it was presented with male symbols, gesticulations, mimics and clothes. Usually at the carnival it was possible to exchange the sexes also by their clothes. But if this happened 1939 in the mentioned way the spectators of the parade could have been associated with a possible homophile attitude of the Gauleiter. Such a provoking presentation would have been too dangerous even for Austrian national-socialists. The type of the sitting character in sculpture referred to the ancient figures of philosophers in the history of monuments. This presentation of the empress could have been evaluated as extraordinary. The name of the monument and therefore of the empress Maria Theresia was kept for the carnival parade 1939 underlying its importance. On the other hand the artists of the carnival art parade were those who chased their individual profit during fascism becoming a part of the national-socialist people of the Vienna carnival who gained its lust from its hate for all minorities which are to be humiliated and destructed: the Jews and the “Austrofascist” politicians. The idea that the carnival was the time of the travesties, after the fascism the time of the suspension of the travesties in reality, was forced by the Allies. The example of the parade 1939 demonstrates some exposing stories about fast travesties. Most of the main responsible artists were members of the NSDAP and also after 1945 established Austrian artists. Oswald Roux who designed a carnivals revue titled “degenerated art” already 1938 at the Secession, before the “Anschluss”, member of NSDAP, jeered the “Austriafascist” politicians and was responsible for the design of the parade 1939 together with Wilfert and Geyling; Roux got the Honour Award of the City of Vienna and the Austrian State Award. Emil Pirchan who directed together with Alexander Popp the master class of “scene art and event design” at the University of Fine Arts was member of the de-nazification commission although he collaborated with the Nazis without being a member of the Party. But for the carnival of Germany in these period even more well-known personalities, such as Karl Valentin, undertook the design of the parades for the Nazis and are not criticized so far in this respect.


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