Oláh, Thomas.
Ares und das Band der Charis.
Militärische Elemente in zivilen Dresscodes in Zentraleuropa von den 1950er Jahren bis 2000.

Wien: Universität für angewandte Kunst Wien – Diss.phil. 2007

 
[Publikation: Oláh, Thomas (2008). Ares und das Band der Charis. Militärische Elemente in der Mode (= Angewandte Kulturwissenschaften Wien. 11). Wien: Edition PRAESENS; ISBN 978-3-7069-0493-3 brosch., ca. 300 S.
Verlagsinfo | www.amazon.de; Inhalt & Vorwort PDF
Buchpräsentation: 15.10.2008, Einladung PDF]


Kurzfassung | Abstract

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Kurzfassung

Mode, als Bildsystem verstanden, das mit Kleidung, dem Körper und dessen Modifikationen operiert, ist geprägt vom periodischen Wandel ihrer Formulierungen, die aber „zu ihrer Zeit“ breite Akzeptanz finden. Deshalb lässt sich Kleidung, die innerhalb dieses Systems entworfen, produziert und getragen wurde, auch historisch, gesellschaftlich und kulturell recht genau zuordnen.

Diesen „breiten“ Bewegungen zu Grunde liegen individuelle Entscheidungen, die als Visualisierung des Selbst ein Bild formulieren, das jedoch im Gegensatz zu Sprache sich nicht mit dem Wörterbuch übersetzen lässt, sondern als analoge Ausdrucksform dem bildhaften Denken entspringt.

Die Funktionalität von Mode zielt demnach in erster Linie nicht auf Schutz, Schmuck o.ä., sondern auf Konstitution von Identität durch Verbildlichung gesellschaftlicher Situation und persönlichen Anspruchs

Eingeschränkt auf das Spezifikum „Militärische Elemente in zivilen Dresscodes“ wird die These argumentiert, dass Mode zu allererst der Visualisierung von Selbst dient – weshalb auch in der Gestaltung von ziviler gleichermassen wie militärischer Kleidung ästhetische Entscheidungen stets denen des Gebrauchswerts vorangehen.

Göttermutter Hera leiht sich, so erzählt die Ilias, um ihren Gemahl Zeus zu verführen, bei Schwiegertochter Aphrodite, auch Charis genannt, „den bunt durchschimmerten Gürtel, / Wo ich (Aphrodite) des Zaubers Reiz versammelte. Wahrlich du kehrst nicht / Sonder Erfolg von dannen, was dir dein Herz auch begehret.“ 1

Attraktivität ist demnach schon zu Troias Zeiten eine Qualität, die mittels Körpergestaltung durch Attribute erzielt wird – und, wenn auch nicht gerade in göttlicher Perfektion, so doch konsequent bis in unsere Tage als Praxis angewandt wird.

Die Mode muss – weil sie als Bild verstanden werden will – referentiell sein; nicht nur in den immer neu hervorzubringenden Kompositionen, sondern auch in den Quellen, derer sie sich bedient. Neben der traditionsverhafteten „Folklore“, dem technologieorientierten „Sport“ und sozialen „Cross-over“ ist die militärische Kleidung bevorzugtes Ursprungsfeld des Zitats in der Mode der 2. Hälfte des 20. Jahrhundert.

So kommt es beispielsweise in den Jahren um 2000 zu einer gewissermaßen explosionsartigen Verbreitung von Camouflagemustern in ziviler Kleidung. aus einem französischen Modehaus ebenso wie Unterwäsche in der , Bettwäsche und Barbiepuppen, internationale Popmusic-Stars und Shop in New Yorks Fifth Avenue, und zitieren das Camouflage-Muster im zivilen Leben – bei gleichzeitiger enormer medialer Präsenz von kriegführendem Militär in Camouflage-Uniformen.

Bemerkenswert ist, dass jedoch im zivilen Bereich zumeist eine Distanzierung von kriegerisch-militärischer Konnotation sowohl von Designern als auch von Konsumenten betont wird.

Ausgehend von der Annahme, dass ein Austausch von Gestaltungselementen zwischen militärischer und ziviler Kleidung nicht gleichzusetzten ist mit einer beliebigen Verschiebung von Zeichen und Bezeichnetem, wird in dieser Arbeit untersucht, ob eine Kontinuität der Bedeutungszuschreibung von Gestaltungselementen – im wörtlich genommenen Sinn von „Fashion-Design“ – festzustellen ist.

Ist vermehrtes Zitat von militärischen Elementen in ziviler Kleidung auf die verstärkte (mediale) Präsenz von Krieg zurückzuführen und lässt dies darüberhinaus auf zunehmende Kampfbereitschaft innerhalb der Zivilgesellschaft schließen? Oder folgt schon die Gestaltung militärischer Kleidung Prinzipien, die in der Formulierung modischer Ideale grundsätzlich angelegt sind ?

Ist der Gebrauchswert, das „Praktische“ – von Kampfkleidung gleichermaßen wie von Zivilkleidung – nicht zweitrangig gegenüber ästhetischen Prinzipien?

Grundlage der Arbeit ist extensive Bildrecherche, sowohl von High Fashion im Sinne von designer- oder markenbestimmter Produktion und ihrer Darstellung in Modemagazinen u.ä. als auch von individueller Alltagskleidung, d.h. der persönlichen Interpretation und Kombination von Angeboten der Bekleidungsindustrie, gegenübergestellt der militärischen Kleidung, wie sie in Nationalarmeen, aber auch bei paramilitärischen Gruppen, Terroristen, Protestbewegungen, sub- oder gegenkulturellen Bewegungen u.a.m. zu sehen ist. Militärisch ist in diesem Zusammenhang also nicht zwingend uniform, sondern durchaus auch in individuell dekonstruierter Interpretation zu sehen.

Dafür wurden nicht nur einschlägige Publikationen, Medienberichte und Bildarchive herangezogen, sondern auch drei ausgewählte Magazine im Zeitraum von den 1950er Jahren bis 2000 durchgesehen, um eventuelle Kontinuitäten festzustellen: Die französische Ausgabe der Vogue als Repräsentanz der High Fashion im Sinne von luxuriöser Mode, Stern: das deutsche Magazin, vor allem hinsichtlich der Abbildung von Alltag in Photoreportagen, und Brigitte: die Frauenzeitschrift neuen Typs als Reflexion des Mainstreams der Mode, in dem ästhetisches Ideal, ökonomische Möglichkeit und praktische Anwendung zusammentreffen.

Das Ergebnis dieser Recherche ist thematisch sortiert in einem ca. 1400 Abbildungen beinhaltendem Bildarchiv auf beiliegender CD dargestellt.

Ausgehend von einer Begriffsabgrenzung „Kleidung – Kostüm – Tracht – Mode“ und der Herleitung in historischer Sicht soll im ersten Teil dieser Arbeit eine Definition formuliert werden, was Mode in kultur- und geistesgeschichtlicher Sicht ist, deren kommunikative und soziale Spezifika dargestellt und – im zweiten Teil – anhand exemplarischer Momente modischer Innovation ihre Funktion in der Verbildlichung von Idealbildern des Körpers untersucht werden.

Die Grundprinzipien in der Gestaltung von Kleidung Farbe, Textur und Konstruktion sind die Ausgangspunkte, um in Teil drei die (anscheinenden) militärischen Gestaltungen und Zitate in der zivilen Kleidung zu untersuchen, deren Übernahme aus dem Militärischen zu überprüfen und gegebenenfalls wechselseitige Beeinflussung darzustellen.

Abschnitt 3.4. widmet sich den militärischen Kleidungsstücken, die quasi 1:1 in das zivile Vokabular inkorporiert wurden und soll klären, ob dies mit einem Bedeutungswandel verbunden ist.

Der Kleidung als Konstitutivum von persönlicher Identität gilt in diesem Rahmen besondere Aufmerksamkeit: Welche ästhetischen Gestaltungsprinzipien, im Design auf Produktionsseite ebenso wie in der persönlich-individuellen Kombination, gehen der Funktionalität des Gebrauchswerts als gestaltungsbestimmende Faktoren von Kleidung grundlegend voran?


1   Homer, 1781–1990. Ilias. In der Übertragung von Johann Heinrich Voß. München: Winkler, XIV, 219–221.


Abstract

Ares and Charis’ Belt: Military Elements in Civilian Dress Codes in Central Europe from the 1950s to 2000

Understood as an image system operating upon clothing, the body and its modifications, fashion is characterized by the periodic change of those among its formulations that meet with widespread acceptance “in their time.” It is for this reason that clothes designed, made and worn within this system may be categorized in historical, social and cultural terms with considerable accuracy.

These “broad” movements are driven by individual decisions that, by means of self-visualization, frame an image which, in contrast to language, cannot be translated with the aid of a dictionary, but springs from pictorial thinking as an analog form of expression.

Accordingly, the functionality of fashion does not primarily serve purposes of protection, adornment, etc., but aims to constitute identity by visualizing social situation and personal claim.

Within the confines of the specification “Military Elements in Civilian Dress Codes” it is argued that fashion is placed first and foremost in the service of self-visualization, which is why the design of both civilian and military clothes is informed by aesthetic considerations first, utility second.

The Iliad tells us that Hera, the mother of the gods, borrows a magic belt from her daughter-in-law Aphrodite (also known as Charis), being advised to “take this girdle wherein all [of Aphrodite’s] charms reside and lay it in your bosom. If you will wear it I promise you that your errand, be it what it may, will not be bootless.

Even in Troy’s time, therefore, attractiveness was a quality achieved through the attachment of accessory—a practice that continues to be pursued vigorously, if not to the point of divine perfection, to this day.

Understood as an image, fashion must be referential in nature, and not only to the ever-changing compositions, but also to the sources of which it avails itself. Alongside traditionalist folklore, high-tech sports and social crossover, military dress was a preferred field of origin for fashion’s references in the second half of the 20th century.

For instance, the years around 2000 have seen an explosive proliferation of camouflage patterns in civilian clothing. Be it luxurious bikinis from a French fashion house, underwear in pornography, bedding, Barbie dolls, on international pop stars or in store windows on New York’s Fifth Avenue, cheap mass-produced garments and pricey brand clothing alike reference camouflage patterns in civilian life—even as the media steps up its coverage of real-life troops in camouflage uniforms engaged in combat.

It is noteworthy that designers and consumers of the civilian sector frequently, and emphatically, attempt to distance themselves from any martial or military connotation.

Departing from the assumption that the exchange of design elements between military and civilian clothing does not represent a random alternation between signifier and signified, this text examines whether there is evidence of continuity in the attribution of design elements in their literal meaning as fashion design.

Are the increasing nods to military style in civilian clothes the result of an increasing (media) presence of armed conflict and, moreover, is one to assume that civilian societies have become more supportive of warfare? Or is the design of military clothes subject to the very fundamental principles underlying the conception of fashion ideals?

Is the utilitarian value, the usefulness of combat gear, just as inferior to aesthetic considerations as it is in the creation of civilian clothes?

This dissertation is based on extensive image research conducted in the areas of both high fashion (designer / brand clothing and its representation in fashion magazines, etc.) and individual day-to-day wear (personal interpretation and combination of offers of the garment industry), as juxtaposed with military clothes issued to national armies and worn by paramilitary groups, even terrorist organizations, protest and sub-cultural / counter-cultural movements and the like. In this context, therefore, military dress does not equal uniform, but is considered in the inclusion of individually deconstructed derivations.

For this purpose, use was made not only of pertinent publications, media reports and image archives, but also of three selected magazines published over the period between the 1950s and 2000 in an attempt to identify continuities: the French edition of Vogue as the epitome of high fashion in the sense of luxury goods; Stern, das deutsche Magazin as a source of representations of everyday life in photo journalism; and Brigitte: die Frauenzeitschrift neuen Typs as a log of the fashion mainstream, which combines the virtues of aesthetic appeal, affordability and practicality.

The result of this research, an image archive encompassing approx. 1,400 images broken down by theme, is presented on the enclosed CD.

Recognizing the distinct arenas of “clothing – costume – dress – fashion” and employing a chronological approach, the first part of this text renders a definition of what fashion is in context of the history of culture and mind, and reveals its communicative and social particulars. The second part is dedicated to examining, on the basis of exemplary moments of fashion innovation, fashions function in the embodiment of the bodily ideal.

The basic criteria of fashion design color, texture and construction, provide the points of departure for an analysis, in the third part, of (apparent) military style elements and references in civilian clothes, which is complemented by a review of their appropriation and a potential interplay between military and civilian dress.

Section 3.4 discusses military garments that were incorporated into the civilian vocabulary, and addresses the question of whether the transfer was accompanied by a shift in meaning.

Special attention is paid in this context to clothing as the visualisation of the self: Which aesthetic design criteria generally override, in both production and individual combination, the functionality of utility as determinants of garment composition.


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Copyright © 2007/2008 Thomas Oláh | Created 2008-07-14, Last Update: 2008-10-09