Orišková, Mária.
Zweistimmige Kunstgeschichte.
Wien: Universität für angewandte Kunst Wien – Diss.phil. 2001

 
[Publikation: Orisková, Mária (2008). Zweistimmige Kunstgeschichte (= Angewandte Kulturwissenschaften Wien. 14). Wien: Edition PRAESENS; ISBN 978-3-7069-0514-5, brosch., 229 S.; Verlagsinfo | www.amazon.de; Inhalt & Vorwort PDF]


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Kurzfassung

Der Titel der vorliegenden Dissertationsarbeit ist ein Zitat aus Hans Beltings Buch "Das Ende der Kunstgeschichte", wo über das Thema Westkunst/Ostkunst als ungeschriebene "zweistimmige Kunstgeschichte" nach dem zweiten Weltkrieg gesprochen wird. Die Metapher "der zweiten Stimme" ist zwar der Ausgangspunkt der Arbeit, die sich mit der sogenannten Ostblockkunst in Mitteleuropa (Tschechien, Slowakei, Polen, Ungarn) befasst, doch das Ziel dieser Arbeit ist es, die Position der Ostkunst im Rahmen der europäischen Kunstgeschichte, aus der sie nach 1945 ausgeschlossen war, zu untersuchen. Einerseits wird die Forschung mit Berücksichtigung des zeitgenössischen Standes der Disziplin der Kunstgeschichte und ihrer Theorie abgehandelt, wo es in den letzten Jahrzehnten zu weitgehenden Revisionen gekommen ist, und andererseits muss die "einheimische" Geschichte der Ostblockkunst in Betracht genommen werden.

Die Revision der Disziplin der Kunstgeschichte im Zusammenhang mit Beltings These über das "Ende der Kunstgeschichte" (und ähnliche Thesen von A.C.Danto oder D.Preziosi) bedeutet das Ende der unifizierten und universalen Kunstgeschichte mit ihrer geschichtlichen Auffassung der Kunst. Die traditionelle lineare Geschichte der Kunst wurde auch unter dem Einfluss der französischen poststrukturalistischen Theorie in Frage gestellt. Die poststrukturalistische Kritik zeigte, dass der "universale Mensch" eigentlich "weiss, männlich und westlich" ist und die Termini und Bedingungen des humanistischen Diskurses (und der humanistischen Disziplinen) alles andere ausschliessen. Der Widerstand gegen die universale und normative Disziplin der Kunstgeschichte zeigte sich schon früher im Thema "Zentrum und Peripherie", wo die Aufmerksamkeit auf hierarchische Ordnungen (übergeordneter Rahmen und subordinierte Bestandteile) der universalen Kunstgeschichte gerichtet wurden.

Für die westliche Kunstgeschichte war (und ist noch immer) Ostkunst ein Randproblem und die wichtigsten Textbeiträge zu dieser Problematik stammen von Ost-Emigranten oder im Westen lebenden Kunsthistoriker. Texte über Kunst im sogenannten Ostblock nach dem zweiten Weltkrieg können nicht nur auf die Applikation des Marxismus-Leninismus auf die Kunstgeschichte reduziert werden. Wenn auf der einen Seite die marxistisch-leninistische Theorie als Doktrin funktionierte, stand die Apologetik universaler Werte im Dialog mit der Totalität dazu in Opposition. Hier hat sich ein spezifisches Phänomen, ein "Dissidentenparadigma" der Kunst entwickelt, das nach der Wende 1989 nicht nur zu neuen Reflexionen, sondern auch zur Kritik der Dissidentenkunst und des Künstlers als Dissident führte.

Mit Hilfe von Beltings Metapher "der zweiten Stimme" bietet sich nun mehr eine Möglichkeit, über die sogenannte Ostblockkunst zu sprechen. "Die zweite Stimme" wird hier als die Stimme "der Anderen" (als eine "andere Neo-Moderne") begriffen, die nach 1945 aus dem Rahmen der europäischen Kunstgeschichte ausgeschlossen wurden. Im Zusammenhang mit der Kritik des Modernismus und ihrer Kategorien des Neuen, der Originalität und der Autorenschaft bietet sich die Möglichkeit, die östliche Neo-Moderne nicht aus dem Sicht der Form- oder Stilinnovation zu sehen. In drei ausgewählten Strategien der östlichen Neo-moderne wird dann gezeigt, wie diese "andere Neo-Moderne", die ein Produkt eines anderen kulturellen und sozio-politischen Kontextes war, funktionierte.

Die Neo-Avantgarde, die im Zeitabschnitt 1945-1989 neben dem offiziellen sozialistischen Realismus existierte, entfaltete sich in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre als abstrakte Kunst. Im scharfen Kontrast zur Figuration des sozialistischen Realismus entstand der Mythos der reinen, authentischen und unpolitischen Kunst und des Künstlers, der Asthetik mit Ethik in seinem Werk verbindet. Doch besteht kein Zweifel, dass auch die abstrakte Form im ehemaligen Regime ideologisiert war. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre kam zur Anderung des Kunststatus und der Funktion der Kunst als Vehikel der direkten politischen Aussage. Verschiedene konzeptuelle Strategien zeigten sich im Ostblockstaaten als ausserordentlich funktionsfähig, weil eine untraditionelle Sprache des Konzeptes, der Spiele oder Happenings schwer dechiffrierbar für die offizielle Kontrolle war. Der Aktionskünstler und Konzeptkünstler wurde zum Vermittler, der zu subversiven Aktionen aufrief, oder zum Rebell, der einen Dialog mit Obrigkeit führte. Nach 1968 - in der Periode des "realen Sozialismus" - entwickelten sich neue Strategien, die durch Analogien mit uralten Natur/Körper-Ritualen wieder den Künstler (diesmal als Performer) als Vermittler zeitloser Wahrheiten in den Mittelpunkt stellten. Im realen Sozialismus wurden aber die grossen Gesten manchmal leer und die "Kunst - Macht" Beziehungen waren eine Sache des Abkommens. Ende der achtziger Jahre zeigte sich die Problematik des Körpers als eine Verschiebung vom Verständnis des Körpers als natürliche universale Existenz zum Körper als politisch-gesellschaftliches Produkt. Es ging um keine Authentizität des Körpers, sondern um die Rhetorik des Körpers, welche über kulturelle Stereotypen und Konstruktionen aussagte. Nach dem Fall des Totalitarismus 1989, was eigentlich das Ende einer marxistischen "grand narrative" war, wurde diese Etappe der Geschichte zum Gegenstand der künstlerischen Reflexion. Einerseits kam es zur Rekonstruktion der nationalen Identität der Ostblockländer und andererseits zur Dekonstruktion der Mythen der reinen unpolitischen Kunst, der Dissidentenhelden aber auch der institutionalisierten Disziplin der Kunstgeschichte, die eine einzige "objektive" Wahrheit anbietet. Aber die Zeit der Neubewertungen und Revisionen liegt noch vor uns.


Abstract

The title "Zweistimmige Kunstgeschichte" (Double Voice Art History) is quoted from Hans Belting's book "The End of the Art History" (second edition published 1994). The thesis of the existence of a "double" Europe (Western and Eastern) as well as unwritten "Art History for two voices" concerns the fact of the exclusion of East-European art from Art History after 1945. The aim of the thesis is to question the status of the discipline of Art History: Beginning with Hans Belting's thesis of Art History after historicism, Arthur C. Danto's thesis of the particular art work and its role within the chart (diagram) displaying the logical structure of Art History and Donald Preziosi's questioning of the discipline of Art History itself. The intention is to pose new critical theories going against the traditional linear concept, which marginalized "alternative" or "other" art histories. Since 80s the new theoretical approaches (namely poststructuralism and deconstructivism) have replaced traditional methods of art-historical interpretation. The present disintegration of the discipline can be also traced back through the thesis of "Centre and Periphery" which has concerned (both Western and Eastern) art-historians for many years. Postmodern paradigm changed the rules and allowed to the "others" considered as peripheral to enter into the international discourse. "Western View" and "Eastern View" intends to explore how East-Central European Art has been reflected within Western or Eastern history of art (after WW II. and after 1989). The aim of the third chapter named "Second Voice" is not to glorify unofficial neo-avant-garde art over official art or vice-versa but dismantle them. Rather, the goal is to analyze how images were constructed in the context being marginalized by Western art institutions as well as functioned under ideological pressure. The desire among many Eastern European artists to preserve the status of art as autonomous from the dominant political ideology while still referring to their political context led to the development of the codes, conventions and strategies unreadable by Western eyes. After 1989, these political and national symbols began to be decoded and demystified, bringing about a decisive shift towards postmodernism.


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Copyright © 2001 Mária Orišková | Created 2001-04-02, Last Update: 2009-03-03