Manfred Wagner

Kunst und Bildung*


Publiziert in/published in: Programmzeitung der Akademie Graz, Januar 2007, 8


Es ist schmerzlich festzustellen, dass in unserer gegenwärtigen Gesellschaft – und möglicherweise gilt dies für die gesamteuropäische – keine eindeutigen Zuweisungen von Kunst und Bildung vorhanden zu sein scheinen. Politisch, und die Wissenschafter stehen dem nicht viel nach, wird Bildung längst mit Ausbildung verwechselt (einem relativ wertfreien Begriff für die Heranzüchtung berufsspezifischer Fähigkeiten), ohne weder den gesellschaftlichen Wert dieser Fähigkeiten abzufragen, noch eine sinnvolle Disposition für das Gemeinwohl zu fordern. Kunst andererseits, gewöhnlich ohnehin mit dem schwammigen Terminus Kultur belegt, bedeutet, abgesehen von konventioneller historischer Zuordnung, die beliebige Vorlage von kunstähnlichen Produktionen, die vom Künstler oder vom Markt, repräsentiert durch die Medien, als solche definiert werden. Diese Undifferenziertheiten, die leider längst allgemein verbreiteten Status erreicht haben, erzwingen ebensolche Verschiebungen in der Rezeption, was letztlich ausschließlich den daran beteiligten Interessen dient.

Nichtsdestoweniger wird für beide Phänomene in unserer Gesellschaft viel öffentliches Geld ausgegeben, wobei die personale Förderung einerseits der Lehrer, anderseits der Künstler einen Teil des Rahmens abdeckt, der andere Teil von den Strukturen, sprich Verwaltungen, gleichgültig ob Schul- oder Universitätsbehörden, respektive Galerien und Museen geschluckt wird. Der Anspruch, den Bildung und Kunst an sich stellten, ist derzeit kein Thema in dieser Gesellschaft, sondern ausschließlich Vehikel zur Erlangung von vorgesehenen Budgetposten, die denn auch nach undurchsichtigen Vergabekriterien aufgeteilt werden.

Wir haben uns längst von jenem Bildungsbegriff der Aufklärung verabschiedet, der verlangte, dass das zu erreichende Ziel nicht nur die Vervollkommnung des Individuums im Auge haben müsste, sondern auch den Mehrwert für das gesellschaftlich Gemeinsame. Dass letztlich kognitives und emotionales Wissen die Zielsetzung eines besseren Zusammenhalts der Gesellschaft zu garantieren hätte, und dieses am ehesten durch die Kunst und die sie verbreitenden Genres erzeugt würde, wird völlig außer Acht gelassen. Kunst wurde demnach immer noch als wissenschaftsanteilig gesehen, als kompetent für das Wissen um die sinnlichen Zusammenhänge, gleichgültig ob auf visuelle, auditive, verbale und andere Aspekte bezogen. Diese große Leistung der Aufklärung, Bildung in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht nur dem eigenen Ich zukommen zu lassen, sondern dem gesellschaftlichen Gegenüber, ja letztlich dem Weltenbürger, brauchte die Kunst als Erkenntnis- und Vermittlungsfunktion und als Garantie, die emotionale Intelligenz mit der kognitiven zu korrelieren.

Von diesem republikanischen und Richtung Demokratie weisenden Standpunkt, in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts definiert und lange Zeit hindurch zumindest vom Ansatz her bestimmend, sind wir längst abgekommen. Wir haben einerseits die Wissenschaften soweit präpariert, dass wir, materialistisch wie die Gesellschaft nun einmal denkt, nur die Faktizität der Naturwissenschaften als solche, zumindest hypothetisch gelten lassen, wenn auch im politischen Alltag deren Vernachlässigung nicht weit von der Kunst entfernt ist. Einzig die Relevanz der Praxis wie in der Medizin und der Wirtschaft scheint zu zählen. Andererseits ist die Kunst zur Privatsache degradiert und die Information über sie aus dem Schulmilieu entfernt worden. Beliebigkeit in jeder Hinsicht sind die Folgen, was sowohl der öffentliche Raum als auch die Marktangebote belegen. Ästhetik ist damit zum Niemandsland ohne Orientierung, aber auch ohne jede Informationsstütze geriert. Bildung aber ohne Ästhetik kann nur heißen: Wissenssplitter ohne Form, Retardierung des Menschlichen auf leere Mechanik, Verzicht auf jene Erkenntnisebene, die die menschlichen Sinne versprechen. Eine humane Zukunft scheint mir so nicht gangbar. Die Folgen hingegen werden nicht nur einige, sondern alle zu tragen haben. Wir sind darob nicht zu beneiden.
 


Anmerkungen

*   Der Grammatik und der Verständlichkeit der Sprache wegen sind alle personalen Begriffe geschlechtsneutral, also weiblich und männlich zu verstehen. [ top ]


Copyright © 2007 Manfred Wagner, <manfred.wagner@uni-ak.ac.at>
[ home page & CV | bibliographies: books | articles complete list | book info | articles online ]

Created: 20 February 2007