Manfred Wagner

Zur Position des Intellektuellen in der Informationsgesellschaft*

[Rede anläßlich der Verleihung des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse am 3. Dezember 1998]


Die Web-Version dieses Beitrags basiert auf dem Vortragsmanuskript.
The web version of the article is based on the manuscript of the paper.


Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Lassen Sie mich zu Beginn meiner knappen Ausführungen ein herzliches und berührtes Danke sagen:
– den Organen der Republik Österreich, die dem Antrag auf Verleihung zugestimmt haben,
– dem Herrn Sektionschef Mailath-Pokorny als Exekutor dieses Aktes,
– dem von mir seit jeher hochgeschätzten Professor Hans Tuppy, den ich in fast allen Spitzenfunktionen, die er in der österreichischen Forschung innehatte (als Präsident der Rektorenkonferenz, als Präsident des Forschungsförderungsfonds, als Bundesminister und jetzt als Generalratsvorsitzender des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften) – zumindest am Rande – temporär begleiten durfte,
– der Künstlerin Andrea Sodomka, die in die Tat umsetzen half, was ich zu Zeiten des Unterrichtsministers Zilk als Förderung für die gesamte zeitgenössische Szene vorschlug: nämlich zu derartigen Anlässen direkt herangezogen und beauftragt zu werden.
Mein Dank gilt der Familie und vor allem meiner Frau, die es überhaupt ermöglichte, daß ich, von Halbe/halbe-Arbeit ziemlich freigestellt, mich der Forschung und der Vermittlung in diesem extensiven Maße aussetzen konnte.
 

Mit diesem Dank seien aber auch einige Sätze zur Situation und zum Umgang mit dem Intellektuellen in der Informationsgesellschaft angebracht.

Den Begriff des Intellektuellen, den Rudolf Augstein 1966 mit der Formulierung bedacht hatte: intellektuell sei einer, der nicht mit den Gegebenheiten ins Bett gehe (eine Formulierung, die ich nach wie vor für die stimmigste halte), dieser Intellektuelle ist derzeit nicht gefragt. Er ist kein Ziel von Studententräumen, er ist kein Karriereersatz für Aufsteiger, wo die Bedeutung entschädigt für das knappe Entgelt, er wird anscheinend auch nicht mehr gebraucht. Dieser Intellektuelle, der – im Unterschied zu allen Intelligenzberufen – nicht seinen eigenen Fortschritt im Auge hat und sich auch nicht an ein Vorurteil (und sei es auch Weltanschauung genannt) verkauft, dieser Intellektuelle hat keinen Markt mehr. Zwar biedern sich oft Schriftsteller als Intellektuelle an, weil sie zumindest des Wortes mächtig sind, tatsächlich oft Zeitgeistprobleme beschreiben, aber bei genauerem Hinschauen muß man entdecken, daß sie in die üblichen Klischees der Zugehörigkeit von immer noch „links“ und „rechts“, konservativ und Avantgarde, neuerdings betroffen oder nicht betroffen, fallen, wie jüngst erst das Beispiel Martin Walsers bewies.

Selbstverständlich sind die Ursachen für den Positionsverlust des Intellektuellen nicht eindimensional. Sie liegen teilweise an ihm selbst, wenn er einmal mit erhobener Pose die Gesellschaft und ihre Führung geißelt, und andererseits beispielsweise als versteckter Kinderbuchautor exakt die realsten Bedürfnisse dieser Gesellschaft medial und nicht künstlerisch erfüllt.

Es liegt an unseren Bildungsinstitutionen, die weder den Begriff tradieren, noch die Leistungen entsprechend würdigen, wie auch eine veraltete autoritative Bildungspolitik die Schlagwörter des Kapitalismus und seine Moden eher repetiert als jene humanistischer Aufklärungsleistung.

Es liegt ebenso an den Medien, die – bis auf ganz wenige Ausnahmen und Anlässe – die Stimme des Intellektuellen nicht mehr brauchen und sie durch Substitute ersetzt haben, die – schaut man nicht genau hin – Posen von Intellektualität annehmen. Dies gilt einerseits für uns Kommentarschreiber, wo unter dem Vorwand der Demokratisierung, Standesvertretung, Gegensätzlichkeit, p.r.-Anliegen den Aspekt von Pluralität spiegeln sollen, die letztlich nach Verschiedenheit des Gesagten und der Hoffnung auf Wirkung ausgesucht wurden, wo der „News“-Aspekt referiert wird (Aktualität nennt man dies) und Langzeitphänomene eher nicht beachtet werden.

Dies liegt zweifellos auch an der medialen Widerspiegelung rivalisierender Szenen, die derzeit alle Aspekte der Politik und auch der Kunst vereinnahmen, die wie Seilschaften zusammenhalten und eine kritische Durchdringung oder Reflexion ihrer selbst weder von außen noch von innen dulden wollen.

Das hängt auch mit der gedruckten Imitation des Videoclip zusammen, wo Reflexion hintangestellt wird zugunsten des journalistisch scheinbar besser zu verkaufenden Events – „Event statt Content“, wie der von mir hochgeschätzte Psychoanalytiker Leupold-Löwenthal zu sagen pflegt.

Die „Vertalkisierung“ unserer Gesellschaft (ich zähle derzeit 17 Talkshows pro Tag in den deutschsprachigen Fernsehanstalten!) spiegelt zwar die Sehnsucht nach Information von Menschen für Menschen wider, aber in der Regel in Ausgefallenheit und Bizarrheit, in systematischer Normabweichung, in einer Voyeur-Mentalität, gegen den sich jeder Hardcoreporno als soft ausmachen läßt.

Die Politik – in Österreich ohnehin in einem erschreckenden Maß vor allem mit den Printmedien verbündet – braucht den Intellektuellen auch nicht mehr. Sie hat sich, und ich meine seit Bruno Kreisky, nicht nur auf das Event der Unterhaltung eingeschworen, sondern auch neue Prioritäten gesetzt, also: Taktik anstelle von Überzeugungskraft, Polemik anstelle von Diskurs, Populismus – sogar nur im Hinblick auf Wählergruppen – anstelle von verantwortungsvoller Argumentation, Manipulation anstelle von Diskussion, Schein statt Sein, und blinde Verfolgung quantitativer Kurzzeitziele (maximal auf 2 Jahre vorgeplant), anstatt Sorge für die Kontinuität einer gesellschaftlichen Entwicklung zu tragen, die zumindest ein Jahrfünft bis zu einer Dekade zur Durchsetzung des früher Gedachten braucht. Die Politikberatung bis zur Abschirmung haben im wesentlichen die Meinungsforscher und die Sekretäre übernommen, beide hocheffizient, beide mit gewaltigen Steuerungsmächten ausgestattet, beide aber ebenso wie die Medien in ein untrennbares Bündnis gezwungen, was sich auf lange Sicht aus sich selbst rekrutiert und jedwedes Bestehen auf Substanz oder auch nur Realitätsbenennung als Irritation empfindet.

Der gewichtigste Unterschied zu dem, was ich in den sechziger Jahren – also noch relativ jung – als intellektuell kennengelernt habe (Jean Paul Sartre oder Simone de Beauvoir, Rudolf Augstein oder Karl Jaspers, Heinrich Böll mit seiner Analyse der „verfaulenden Macht des Staates“ im Text über die Freiheit der Kunst, die er in seiner Wuppertaler Rede 1966 formulierte, in Österreich sicher Friedrich Heer und Hilde Spiel, beide inzwischen völlig verdrängt, sicher Günther Nenning, der als einziger bis heute unbeirrt übrigblieb, dem gesellschaftlich aber Kreiskys Verdikt vom „Wurschtl“ anhaftet, und vielleicht Norbert Leser, dem heute nur Unverständnis entgegenblickt, wo er Sozialdemokratie zu vermuten hoffte), – also der Unterschied zu diesen frühen Bekanntschaften, die für meine Generation oder zumindest für jene, die sich um die Durchdringung der Realität bemühten, prägend waren, besteht darin, daß diese Intellektuellen sich im wesentlichen nicht auf eine Gruppierung (heute würde man sagen: Szene) versteiften, sondern öffentlich zu ihrer oder einer Welt – wenn man so will – sprachen: ohne Rücksichtnahme auf ihre persönlichen Bindungen, während heute fast alle Wortmeldungen Klientel-abhängig oder Klientel-angehörig sind oder sich relativ schnell dazu machen lassen. Der politische Trick der letzten zehn Jahre, daß Kritik automatisch mit Liebesentzug, aber weit öfter mit Vereinnahmung des Kritikers in die Organisation beantwortet wird, läßt die Stimmen verstummen, weil Unabhängigsein und Abhängigmachen nicht zusammengeht. Statt dessen wird, wie es für eine Globalgesellschaft zu passen scheint, eine Art Internationalität der Intellektualität in die Pflicht genommen, vor allem französische Sprachphilosophen oder italienische Semiotiker, ich meine, weil man sicher sein kann, daß sie gewöhnlich zur spezifischen Situation des eigenen Landes nichts zu sagen haben. Daß die Fremdkommentare der großen Tageszeitungen immer knapper werden, die Anzahl der entgegengenommenen Kommentare aber fast exponential wächst, daß das Fernsehen bislang Intellektualität gewöhnlich als nicht „sendefähig“ empfand und ausschließlich Ö 1 zur Verbreitung des Wissens und der Urteilsfähigkeit (nebenbei bemerkt eine vernünftige Definition für Bildung) Intellektuellen ein Plattform gibt, ist evident.

Dies alles wäre sentimentales Gerede, utopistische Wunschvorstellung oder auch nur die Projektion eines apostrophierten Bildungsbürgers, würde tatsächlich die Aufgabe, die Dinge bis zum Grund zu durchschauen und nicht mit ihnen „ins Bett zu gehen“, von anderen Ersätzen in dieser Schärfe wahrgenommen werden. Sie fehlen aber in dieser Substanz. Ich meine, daß jede Gesellschaft Menschen braucht, die unabhängig von ihrem persönlichen Wohlbefinden die Realität spiegeln, beschreiben, analysieren – und deswegen auch oft kritisieren müssen.

Diese Position nahmen in der Geschichte wechselseitig die Schamanen, Propheten, Philosophen, Priester, die Künstler, Wissenschafter und auch Journalisten wahr. Daß diese Unabhängigkeit der Durchschau in einer vernetzten Gesellschaft schwierig wird, ja vielleicht sogar unmöglich, deutet den Verlust einer notwendigen Instanz an, die letztlich unersetzbar ist. Gerade in unseren üblichen Entscheidungskategorien mit ausschließlich quantitativer Bestimmung und Kurzfristen braucht eine Gesellschaft für ihr vernünftiges Weiterbestehen Alternativen zur Quantität dieser Kurzzeit. Sie heißen: Qualität, Reflexion und zumindest Mittelfristigkeit. Sofern eine Gesellschaft nicht die vollständige Auslieferung an von außen bestimmende Mächte wünscht, gleichgültig, ob diese Kapitalismus, Globalisierung oder Vernetzung heißen, solange sie in der Binnenwelt mit Tricks, Ankündigungen, leeren Versprechungen und bösen Manipulationen über den Tisch gezogen wird, bleibt ihr nichts anderes übrig, als Hüter dieser im politischen Alltag zu berücksichtigenden Faktoren zu suchen. Tut sie es nicht, werden eben Hüter der Realität hinterher den Gang der Geschichte dieser Gesellschaft als defizitär beschreiben müssen.

Dieses Land hat in diesem Jahrhundert schon einige Perioden dieser Defizite, von denen es sich nur schwer erholen kann, hinter sich gebracht. Man sollte darauf achten, daß keine neuen defizitären Jahre infolge des Verzichts auf Analyse und Reflexion programmiert sind. Möglicherweise kommt noch einmal die Zeit, wo Politik und Gesellschaft für ihr Tun auch verantwortungsmäßig einstehen müssen. Rächen werden sich die Defizite jedenfalls früher.
 


Anmerkung

*     Der Grammatik und der Verständlichkeit der Sprache wegen sind alle personalen Begriffe geschlechtsneutral, also weiblich und männlich zu verstehen. [ top ]
 


Copyright © 1998 2003 Manfred Wagner, <manfred.wagner@uni-ak.ac.at>
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Created: 30 November 1998; Last Update: 17 September 2003