Mythen, Riten, Simulakra.*
Einleitende Bemerkungen aus semiotischer Sicht

Im Jahr 2000 begeht die Österreichische Gesellschaft für Semiotik das 25. Jahr ihres Bestehens (1975 Proponentenstadium, 1976 formale Gründung) und schlägt daher mit Mythen, Riten, Simulakra für ihr 10. Symposium ein semiotisch "tiefes" und "bezeichnendes" Thema vor - nicht zuletzt, da doch das Jahr 2000 bereits in sich selbst ein Mythos ist!

Der Begriff "Mythos" ist durchaus vieldeutig und daher generell wie insbesondere semiotisch herausfordernd - Fiktion mit "tieferer Wahrheit"(?). Im klassischen Sinne standen am Anfang die Götter-, Helden-, Weltschöpfungs- und -untergangssagen. "Mythologien" galten als ("primitive"?) Modelle der Welterklärung, als frühe Bewußtseinsstadien, in enger Verknüpfung mit dem religiösen Denken. Ein säkularisierteres Verständnis des Mythos umfaßte jedoch auch welthistorische Persönlichkeiten oder Ereignisse, ein trivialisiertes schließlich die neuzeitlichen politischen Mythen (z.B. "Nation", "Reich"). Zuletzt wurde - dank der Semiotik - auch deutlich, daß wir mit und in "Mythen des Alltags" leben. Zudem meint "Mythologie" auf Objektebene das Gesamt der Mythen einer Gemeinschaft, auf Metaebene deren wissenschaftliche Behandlung. Die semiotische Analyse und Aufarbeitung des Begriffs und des jeweils damit Gemeinten ist also eine wichtige Aufgabe. In der Tat hat sich die Semiotik bereits eingehend und grundsätzlich mit dem Mythos befaßt (Vico, Barthes, Lévi-Strauss, Cassirer, Langer, Geertz, Leach, die Moskau-Tartu-Schule...), und es ist naheliegend, daß sich hiermit weitere semiotische Interessensbereiche untrennbar verknüpfen (Kultur, Struktur, Tiefenstruktur, Diskurs, Narration, Metapher, Modellierung, Fiktionalität, Ideologie, Medien, Magie...). Der Anwendung semiotischer Methoden und Kategorien scheinen daher kaum Grenzen gesetzt.

Der Begriff "Ritus" meinte zunächst den kultischen Brauch einer religiösen Gemeinschaft insgesamt, das "Ritual" die einzelnen kultischen Gebräuche, die liturgischen Einzelhandlungen. Doch schon der Begriff "Ritualisierung" - 1914 von J.S. Huxley geprägt - zeigt, daß auch andere Denktraditionen an der heute vielfältigeren Bedeutung mitgewirkt haben, wie bereits die frühe Ethologie, die hiermit bestimmte tierische (und später auch menschliche) Verhaltensmuster ("displays") bezeichnete. Oder man denke an A. van Genneps "rites de passage" (bereits aus 1909) in der Anthropologie. Später wurde diese Begrifflichkeit auch von der Soziologie aufgenommen, wie dies etwa E. Goffmans bekannter Terminus "Interaktionsritual" belegt. Und ähnlich wie von den "Mythen des Alltags" wird heute sogar umgangssprachlich von "Alltagsritualen" gesprochen, wobei die Begriffsfelder aus dem liturgisch-kultischen wie wissenschaftlichen Bereich offenbar diffus ineinanderfließen - ein Begriffs(dis)kontinuum von wertneutral (wie auch immer biologisch oder soziogen) "geregeltem", "geordnetem" Verhalten bis hin zu pejorativ interpretierten Mustern stereotypen, automatisierten, schematisierten, überregulierten Verhaltens. Aus semiotischer Sicht ist das Thema einerseits eng mit dem des Mythos verbunden, andererseits aber auch mit zahlreichen weiteren wichtigen Forschungs- und Interessensfeldern (Codes, Konventionen, Sprachrituale, Gestik, Ausdrucksverhalten, Kinesik, Proxemik...).

Der Begriff "Simulakrum" ist insofern auch ambivalent, als er zunächst Bild und Nachbildung meinte (lat. Bild, Bildnis), doch ebenso das fiktive, vage, diffuse Bild (lat. Traumbild, Schatten, Phantom). Letztere Bedeutung wurde insbesondere durch J. Baudrillard zentral im postmodernen bzw. postmoderne-kritischen Diskurs placiert. In seiner Kultur- und Mediensemiotik geht es hierbei um die zunehmend der Referenz entledigten, "leeren" Zeichen in unserer Kultur und Gesellschaft, um die "flottierenden Signifikanten", die in Summe den Alltag wie die Geschichte insgesamt zu gewaltigen Simulakren werden lassen. Die Medien und die Konsumideologie spielen hierbei herausragende Rollen, sodaß der Begriff als Pendant zu "Mythen" und "Riten" einen praxisnahen, sich an genuin zeitgenössischen Phänomenen festmachenden semiotischen Zugang nahelegt.

 


* Das 7. Österreichisch-Ungarische Semio-Philosophische Kolloquium trägt denselben Titel wie das 10. ÖGS-Symposium. Es ist im Prinzip nicht auf seinen Fokus, d.h. Sektion 3.2., beschränkt, sondern schneidet quer ein in viele thematische Untergruppen. - Bisherige Kolloquien: Budapest (1988), Wien (1990), Szombathely (1992), Wien (1994), Graz (1996) und Szeged (1998).

 


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