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Beate von Pückler

Jahrestagung der Vereinigung für wissenschaftliche Semiotik
Elisabeth Walther-Bense zu Ehren

Universität Stuttgart - 16. Oktober 1992

Semiotik ist heute eine wissenschaftliche Methode mit Betonung auf Forschung und Experiment. Es handelt sich um eine offene Theorie, die ständig weiterentwickelt werden kann. Max Bense, Elisabeth Walther, Gérard Deledalle und Klaus Oehler gründeten 1975 die Zeitschrift SEMIOSIS (Internationale Zeitschrift für Semiotik und Ästhetik) als Forum für Ideenaustausch, Behandlung offener Fragen, Anwendungsmöglichkeiten, besonders in der Ästhetik, Mathematik, Kommunikations- und Medientheorie, Design Fotografie, Film, Linguistik, Poetik, Bildende Kunst usw. Die Forschungsgruppen in Stuttgart und Perpignan haben die Peircesche Semiotik, von der Max Bense als "Basis-Theorie" sprach, differenziert und präzisiert und als universales Repräsentations-, Vermittlungs- und Erkenntnisschema verfügbar gemacht. Daß dieses Forum, eher universal als universitär, weitergeht, hat Max Bense inauguriert. Es geht weiter dank der Initiative von Elisabeth Walther-Bense und des Mitgehens der "Forschungsgruppe Semiotik Stuttgart", die den "harten Kern" der "Vereinigung für wissenschaftliche Semiotik" bildet, der etwa 60 ehemalige Schüler, Künstler, Schriftsteller, amtierende und emeritierte Professoren verschiedener Nationalitäten angehören.

Die "Forschungsgruppe Semiotik Stuttgart" trifft sich während des Semesters jeden Freitag von 16-18 Uhr. Im Winter-Semester 1992/93 wurden vorwiegend ästhetische Probleme semiotisch untersucht. Wie international gearbeitet wird, zeigen zahlreiche Kontakte zu nord- und südamerikanischen Universitäten, etwa zum Institut für Kommunikationsforschung in Tuscaloosa/Alabama (Dolf Zillmann) und zum College of The Holy Cross, Worcester/MA (Hanna Buczynska-Garewicz), zur Katholischen Universität São Paulo (Haroldo de Campos) und zur Universität von Chile in Santiago (Margarita Schultz), aber es gibt auch Verbindungen zu Polen, Australien, Kanada, Spanien, Italien, Israel, Taiwan, China und Rußland. Die Allgemeine Zeichenlehre von Elisabeth Walther-Bense wurde ins Italienische und Japanische übersetzt und soll nun in Chinesisch und Spanisch erscheinen.

Auf der am 16. Oktober 1992 an der Universität Stuttgart durchgeführten Tagung der "Vereinigung für wissenschaftliche Semiotik" zu Ehren von Elisabeth WALTHER-BENSE, die am 10. August 1992 ihr 70. Lebensjahr [*] vollendet hatte, sprachen Semiotiker aus verschiedenen Ländern. Wie breit die Interessensgebiete der Semiotik gefächert sind, deutet sich durch die Vielfalt der während der Tagung behandelten Themen an:

Klaus OEHLER, emeritierter Professor der Philosophie der Universität Hamburg und Mitbegründer der SEMIOSIS, sprach über "Peirce und die Theorie der Kommunikation". Er erinnerte an die Kategorien von Aristoteles und Kant, um dann das eigentlich Neue der Peirceschen Kategorien nachzuweisen, die "das Ganze seiner Philosophie ausmachen", aus der sich eine Methode ableiten läßt, die sich aus drei Dualitäten konstruiert:

  1. Beziehung zwischen Denken und Handeln;
  2. Beiehung zwischen Sein und Werden;
  3. Struktur des Denkens und der Welt.
"Unser Denken denkt keine Gedanken, ohne daß es nicht im Zusammenhang mit unserem Handeln steht." Oehler wies darauf hin, daß Peirce das Verhältnis von Kultur und Natur neu bestimmt habe als eine Art evolutionärer Naturphilosophie, in der die menschliche Verantwortung für die Natur eine zentrale Forderung darstelle. Die Fähigkeit zu denken korrespondiere mit der Natur selbst. Es gebe mentale Entsprechungen physikalischer Abläufe. Oehler führte aus, daß der Denkkosmos eines Charles Sanders Peirce ein Leitfaden sei. Er verglich die lange "Inkubationszeit" seines Werkes mit derjenigen von Nietzsche und Bense.

Hanna BUCYNSKA-GAREWICZ, in Worcester lehrende polnische Philosophin, kommentierte den "Rationalismus der Stuttgarter Schule", indem sie auf die Präzisierung, Erweiterung und Applikabilität der semiotischen Basistheorie Peirce-Bensescher Provenienz hinwies. Sie bezeichnete diesen Rationalismus als neue Art der logischen Analysis des Denkens.

Karl HERRMANN, Architekt und Lehrer, schlug eine Modifizierung der Birkhoffschen Formel vor, die der ästhetischen Beurteilung von Kunstwerken eine mathematische Darstellung der Beziehung zwischen Komplexität und Ordnung an die Hand gibt. Herrmann bemängelte, daß Birkhoff den Bereich der zu vergleichenden Artefakte zu stark eingeschränkt habe. Andererseits seien viele Kunstwerke "formal so sehr minimalisiert", daß sie weniger durch ihr ästhetisches Maß, sondern allenfalls durch schiere Größe und manchmal neue Materialien überraschten. Bei Kunstwerken, die "ausschließlich Bedeutung tragen", greife die Formel überhaupt nicht. Karl Herrmann sprach zuvor "Über den Objektbezug der Palindrome", die er durch eigene Zeichnungen witzig illustrierte.

Manfred ZIPPEL, Ingenieur und Dozent an der Universität Stuttgart, stellte sein "SEMSCRIPT" - Eine Notation zum Arbeiten mit Zeichen - am "Beispiel der rekursiven Darstellung der Kategorien und Zeichenklassen" vor. Er ging davon aus. daß die Semiotik nicht nur eine Wissenschaft ist, die sich mit Zeichen und deren Zusammenhang beschäftigt, sondern auch die zeitliche Abfolge einbezieht. In der Musik seien z.B. die Zusammenhänge von Tönen, Klängen und Akkorden wesentlich. Die zeitliche Abfolge zeige sich in musikalischen Themen, Melodien und Sätzen eines Musikstücks. Diese Zusammenhänge in der Musik seien mit semiotischen vergleichbar. Auch in der Semiotik könne, ähnlich wie in der Musik, der Zusammenhang von Zeichen komponiert und in Form einer "Notenschrift" weitergegeben, konstruiert und übersichtlich dokumentiert werden. Kurz: Zippel machte Noten für Zeichen und Zeichen für Noten.

Karl GFESSER, Sprach-Dozent, nunmehr 1. Vorsitzender der "Vereinigung für wissenschaftliche Semiotik", nahm sich eines zentralen Themas an, das die Grundlage der Peirceschen Semiotik bildet: der Kategorien. Er verglich sie mit Kants Kategorien. Einen wesentlichen Unterschied sah er vor allem darin, daß Kants "transzendentales Schema" "reine Verstandesbegriffe" und "Anschauung" nicht miteinander vermitteln könne. Kant betonte das begriffliche Denken und vernachlässigte das "Mittel". Peirce dagegen leugne nicht die anschauliche Abkunft seines von den Fundamentalkategorien abgeleiteten Zeichenbegriffs, den er "vielmehr retrosemiosisch auf seine iconisch-indexikalischen Voraussetzungen und material-qualitative Basis im Zeichenmittel zurückführt". Karl Gfesser zeigte gerade mit diesem Unterschied die überzeugende Neuheit im Peirceschen Denkansatz auf.

Dietrich MARSAL, apl. Prof. an der Universität Stuttgart, sprach über "Gödel-Eigenschaften axiomatischer Metasprachen" und ging dabei auch auf die Bedeutung einer fundamentalen Begriffssprache für die Wissenschaften ein, ohne allerdings ihre semiotische Fundierung zu berücksichtigen.

Alfred TOTH, lic.phil. und Assistent am Phonogrammarchiv der Universität Zürich, sprach über "Semiotik logischer und metalogischer Paradoxien". Im Zentrum seiner Ausführungen standen die Paradoxien von Epimenides, Russell, Grelling und Nelson. Mit dem Hinweis auf Bense, daß mit der logischen Ableitbarkeit eine semiotische Ableitbarkeit korrespondiere, klärte er zunächst die semiotischen Grundlagen einiger logischer Begriffe. Er wies auf Carnaps Unterscheidung zwischen "formaler" und "inhaltlicher" Redeweise hin und monierte dessen Vorschlag, "als Namen für ein Ding das Ding selbst zu wählen". Toth bildete analog zur Typenlogik von Whitehead und Russell weitere Meta-metazeichen, eine prinzipiell infinite semiotische Hierarchie. Was Peirce und Bense immer wieder betonten, griff er noch einmal auf: "daß eine auf einem dyadischen Zeichenbegriff operierende Logik aus prinzipiellen Gründen zur Thematisierung stufen- und typenlogischer Verhältnisse nicht mehr ausreicht. Inkonsistenz und Zirkelhaftigkeit von Sprachen sowie die mit ihnen zusammenhängenden logischen und metalogischen Paradoxien betreffen primär die semiotische, nicht die metasemiotische Ebene, da die stufen- und typenlogischen Strukturen bereits aus der Definition bzw. der thetischen Einführung des Zeichens als triadischer Relation resultieren."

Felix von CUBE, der an der Universität Heidelberg lehrt und forscht, sprach nicht über ein semiotisches Thema, aber umso wichtiger war seine Frage: "Fordern statt verwöhnen - auch im Alter?" Seine Meinung war eindeutig: nicht Ruhe, sondern Anstrengung ist das, wofür der Mensch von der Evolution her bestimmt ist. Wird er durch Ruhestands- oder Hobbyklischees fehlgeleitet, können die Folgen Krankheit, Aggression, Langeweile, Depression etc. sein. Für Cube gibt es nur einen vernünftigen Weg: "den Einsatz der Lebenserfahrung in der Gemeinschaft".

Dieser Forderung entspricht Elisabeth Walther-Bense, die keine Notiz von ihren 70 Jahren nimmt, sondern unermüdlich weiterarbeitet. Auch als pensionierte Hochschullehrerin vermittelt sie ihr Wissen, aber insbesondere arbeitet sie an der Bibliografie und der Vorbereitung der Biografie von Max Bense. Daß sein Nachlaß in guten Händen liegt, beweist auch ihre 1989 in Baden-Baden erschienene Monografie Charles Sanders Peirce - Leben und Werk, an der niemand mehr vorbeigehen kann, der sich ernsthaft mit Peirce befaßt. Elisabeth Walther tut das, was sie schon immer tat: Sie vermittelt die Theorie, die Geschichte, die Inhalte und die Anwendungsmöglichkeiten der Semiotik und hält durch Briefwechsel und Vortragsreisen die Kontakte zu den Menschen aufrecht, die sich mit Zeichen beschäftigen.

Anmerkung:

* Vgl. auch Stuttgarter Uni-Kurier Nr. 56/November 1992, S. 10.   [back to text]

 
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[originally published in:
IASS-AIS Bulletin 13(1-2)1993 & 14(1-2)1994: = Bernard, Withalm & Réthoré 1994: 97-101]
 
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Created: February 21, 2000 (Gloria Withalm, IASS-AIS)
 
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