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Jeff Bernard

13. Seminar "Semiotik des Rechts"
17.-18. November, 1995, Universität Wien/Juridicum & ISSS, Wien
(mit Ausblick auf das 14. Seminar, 26.-27. April 1996)

Das von Friedrich LACHMAYER (Wien) seit 1989 durchgeführte Seminar "Semiotik des Rechts", das stets auch allgemeinere semiotische, philosophische und gesellschaftliche Fragen mitbehandelte, weil es in gewissem Maße die an der Juridischen Fakultät weitreichend absente Rechtsphilosophie zu substituieren hatte (dies zumindest gemäß Interpretation des Verf.), wurde ab Wintersemester 1995/96 erstmals vom Institut für Sozio-Semiotische Studien ISSS mitorganisiert und erfuhr dadurch eine Erweiterung: Einerseits ist das Ereignis nunmehr öffentlich zugänglich, andererseits wurde die zuvor als Reihe konzipierte Veranstaltung zu einem zweitägigen Kolloquium zusammengefaßt. Die Vorträge samt Diskussionen fanden in diesem Sinne ganztägig am Freitag, dem 17.11.1995, sowie am Samstag, dem 18.11.1995, vormittags, im Juridicum der Universität Wien statt, der nachmittägliche Schlußteil (mit Plenardiskussion, Gastvortrag, Buchpräsentationen, Buffet) wurde sodann im ISSS durchgeführt.

Am Freitagmorgen eröffnete Friedrich LACHMAYER mit einem durch zahlreiche diagrammatische Veranschaulichungen unterstützten Vortrag über "Verrechtlichung und Populismus", gefolgt von Karl PURZNER (Wien), einem bekannten Primararzt, der sich institutionen-kritisch auf Grundlage scharfer empirischer Beobachtung mit der "Krise des Rechts aus der Sicht des stationär-klinischen Bereichs" befaßte und hiermit bereits die erste ausgiebige, teils kontroversielle Diskussion heraufbeschwor. Mathias GÖSCHKE (Wien) versuchte sodann, die "Aufgaben des Juristen" aus semiotischem Blickwinkel zu beschreiben, während der Soziolinguist und Soziosemiotiker Robert TANZMEISTER (Wien) das "Sprachbewußtsein" zunächst auf differentiell-theoretischer Ebene beschrieb, um sodann auch Beispiele aus der Praxis, u.a. der Rechtspflege, einfließen zu lassen.

Am Freitagnachmittag eröffnete Bernadette WEGENSTEIN (Wien/Paris) mit Ausführungen "Zur Geschichte der Kranken und ihrer Identität", wobei sie bis zu den Inszenierungen der ars moriendi (am Beispiel eines grand cérémonial des 17. Jhdts.) zurückgriff. Martin STEGU (Wien/Chemnitz) erläuterte sodann in gelegentlich sehr unterhaltsamer Art die "Ethische[n] Aspekte des Konstruktivismus", um zu verdeutlichen, daß eine non-radikale Variante des letzteren zur Bereicherung und Läuterung semiotischer Forschungsansätze dienen könne. Der Mediziner und Biologe Anton FÜRLINGER (Wien) schließlich widmete sich dem Thema "Zeichen und soziales Verhalten unter theoretisch-biologischen Aspekten" in einer originellen Sichtweise, die evolutionäre, soziobiologische und semiotische Perspektiven verknüpfte. Zuletzt befaßte sich Irmgard SPORRER (Wien) mit dem "EuGH-Urteil zur Gleichbehandlung", um hieran sehr versiert rezente feministisch-rechtliche Fragen abzuhandeln. (In den Abendstunden fand sodann die Generalversammlung der Österreichischen Gesellschaft für Semiotik statt, über die im vorliegenden Band an anderer Stelle berichtet wird.)

Am Samstagmorgen - und noch im Juridicum - eröffnete der stark semiotisch orientierte Kulturphilosoph Manfred MOSER (Klagenfurt) mit sensiblen und auch in literarischem Sinne hervorhebenswerten Beobachtungen und Überlegungen zum Thema "Zugzwang. Performanz der Politik - Politik der Performanz", die trotz der frühen Stunde eine besinnliche bis erregte Diskussion veranlaßten. Siegfried HERMANN (Wien), Leiter des Bundesinstituts Österreichischer Wissenschaftlicher Film, setze mit Ausführungen des Titels "Der Weg ist das Ziel" fort, in denen er die Vermittlung des wissenschaftlichen Films via Neue Medien sowohl prinzipiell als auch strategisch, teils anhand augewählter Video-Ausschnitte, abhandelte. Der Jurist Arno WEIGAND (Wien) schließlich widmete sich der "Entwicklung des Handelsrechts als Sonderprivatrecht", um hiermit zu zeigen, daß auch und gerade einem solch trockenen Thema anregende ideen- und diskursgeschichtliche Seiten abzugewinnen sind.

Am Samstagnachmittag wechselte die gesamte Teilnehmerschaft an das Institut für Sozio-Semiotische Studien, um im Zuge der Einleitungsreferate zur Plenardiskussion "Zeichen und politische Öffentlichkeit" gleichsam in Wahlkampfstimmung versetzt zu werden (am 17.12.1996 fand die österreichischen Nationalratswahl statt, und zwar unter stark polarisierenden Aspekten, weshalb diesem Wahlkampf keinesfalls jene oft unterstellte Entpolitisierungstendenz attestiert werden konnte). Peter GZYBEK (Bochum/Graz) eröffnete mit treffenden Beobachtungen zum Diskurs feiertäglicher politischer "Hochkultur" (anhand der Rede des österreichischen Bundespräsidenten zum Nationalfeiertag), Jeff BERNARD (Wien) verschärfte die Gangart durch eine semiotische Analyse rechtspopulistischer Sprache und Ideologie am Beispiel der (chancenreich scheinenden) sogenannten Freiheitlichen Bewegung, und Wolfgang BANDHAUER (Wien) schloß den Impuls- und Einleitungblock mit einem Referat ab, in dem sich politologisch-diskurskritische und politisch-bekenntnishafte Momente (in puncto Sozialdemokratie) die Waage hielten, Anlaß genug, um eine lebhafte, teils kontroversielle Diskussion im Plenum ingangzusetzen.

Nach gemütvoller Auseinandersetzung kehrte man sodann wieder ins Philosophisch-Grundsätzlichere zurück, und zwar dank des Gastvortrags von Gérard DELEDALLE (Perpignan), der die Frage "Do Laws Exist?" unter Rekurs auf einen Pragmatismus Peircescher und Deweyscher Prägung (positiv) zu beantworten suchte. Deledalle, Begründer und langjähriger Leiter des Séminaire de Sémiotique, ist führender Kenner und Vertreter des amerikanischen Pragmatismus in Europa und zugleich erstrangiger Peirce-Spezialist. Es verwundert daher kaum, daß sein Vortrag einerseits - ohne daß Begriffe wie "Zeichen", "Semiotik" fielen - auf den Boden semiotischer Grundannahmen, andererseits aber auch (wenngleich auf "höherer Ebene") zum Thema der Veranstaltung zurückführten. Dementsprechend abgeklärt gestaltete sich daher die Abschlußdiskussion.

Nach einer Kaffeepause und unter weiterhin ungebrochenem Publikumsandrang ging man zu einer Tour de Force von Buchpräsentationen über, wobei die Autor/inn/en die in ihren Produkten enthaltenen Anliegen ebenfalls in Kurzreferaten darlegten und zur Diskussion stellten, z.B. einleitend Peter GRZYBEK, der den parömiologisch-semiotischen Kern des Bandes Christoph Chlosta/Peter Grzybek/Elisabeth Piirainen (Hg.): Sprachbilder zwischen Theorie und Praxis (Bochum 1994) entfaltete, samt eingehendem Verweis auf die Ausrichtung und die Qualitäten der neue Buchserie "Studien zur Phraseologie und Parömiologie". Unter der Wortführung Friedrich LACHMAYERs stellte sich sodann das für den Band Friedrich Lachmayer/Gloria Withalm/Erich Fries (Hg.): Zeichen, Recht und Macht (Wien 1995) verantwortliche Team der Diskussion. Es handelt sich hierbei um ausgewählte Zeugnisse früherer Vorträge im Rahmen des Seminars "Semiotik des Rechts". Es wurde zuletzt allseits die Hoffnung ausgesprochen, daß auch die augenblickliche sowie kommende Veranstaltungen dieser Art zu weiteren Publikationen einer weitgefaßten Semiotik des Rechts" führen mögen.

Gérard DELEDALLE folgte mit einer Kurzdarstellung der Inhalte seiner jüngsten Bände - Gérard Deledalle: John Dewey (Paris 1995); ders.: La philosophie peut-elle être américaine? (Paris 1995) -, wobei insbesondere seine These der US-amerikanischen Hegemonie in der Philosophie des 20. Jahrhunderts für Gesprächsstoff sorgte. Jeff BERNARD legte in Umrissen die Inhalte zweier weiterer Bände dar - Jeff Bernard: Behinderung: Kultur, Umraum, Gesellschaft (Wien 1995); ders. (Hg.): Zeichen/Manipulation -, um anhand dieser auf die soziosemiotischen Anliegen der Wiener Gruppe um den verstorbenen Vorsitzenden der Österreichischen Gesellschaft für Semiotik, Wolfgang Pollak, hinzuweisen, und leitete dieserart auch auf die Abschlußpräsentation Gloria WITHALMs über, deren jüngsten Band ebenfalls diesem Umfeld zuzuordnen ist. Gloria Withalm: Fernsehen im Fernsehen im Fernsehen... (Wien 1995) untersucht penibel die mediale Selbstreferenz anhand Analyse einer medienpädagogische TV-Serie, und zwar teils mit Mitteln einer Rossi-Landischen Semiotik, teils mit theoretischen Anleihen bei der angelsächsischen Medienforschung.

Von solch ausgiebiger Betrachtung wissenschaftlicher Literatur erschöpft, widmeten sich die Autor/inn/en, Herausgeber/innen, Referent/inn/en und das zuletzt noch weitaus zahlreicher gewordene Publikum abschließend dem von der Sekretärin des ISSS, Alexandra LANDAU, köstlich zubereiteten Buffet, nicht ohne gelegentliche Rückbezüge auf die Inhalte der Veranstaltung, was sich in immer wieder erregt aufblitzenden semio-politischen Diskussionsfragmenten äußerte. Der gute Besuch und der gelungene Ablauf der Veranstaltung jedenfalls veranlaßten Friedrich LACHMAYER und das ISSS zur Beibehaltung des neugefundenen Modells, das heißt, zur analogen Ausrichtung des Seminars/Kolloquiums im Sommersemester wie auch in weiterer Folge. Eine noch stärkere Öffnung über den universitären Raum hinaus wird durchaus angestrebt.


In diesem Sinne soll das 14. Seminar "Semiotik des Rechts" am Freitag, dem 26., und Samstag, dem 27. April 1996, stattfinden. Das Programm steht bereits größtenteils fest; die nachfolgenden Themenstellungen verstehen sich als Arbeitstitel. Zunächst wird im Juridicum der Universität Wien begonnen. An Referent/inn/en werden aufgeboten: Erich FRIES (Wien): Virtuelles Leben; Jeff BERNARD (Wien): Wahrnehmung in Rossi-Landi/Wittgensteinscher Perspektive; Michael T. MUCH (Wien): Buddhistische Semantik; Georgios SCHINAS (Piräus/Wien): Die rechts- und staatsphilosophische Theorie in den Platonischen Gesetzen; Anton FÜRLINGER (Wien): Humanethologie; Helga KERSCHBAUM (Südafrika/Wien): Naturrecht; Arno WEIGAND (Wien): Medizinethik; Regina BINDER (Wien): Tierschutz und Rechtskultur; Michael LUGGER (Wien): Repräsentation von Partialinteressen; Norbert KNITTLER (Wien): Die Herrschaft der Sekretäre; Wilhelm GLOSS (Wien): Formelle und informelle Strukturen der Sozialpartnerschaft; Gottfried SCHLEMMER (Wien): Strukturen in Oshimas "Reich der Sinne".

Der Schlußteil der Veranstaltung findet sodann wiederum im ISSS statt, eingeleitet von einem Vortrag der Protagonistin der Salzburger Gesellschaft für Semiologie SIGMA, Sigrid SCHMID-BORTENSCHLAGER über die "Fiktionalisierung des Rechts". Es folgt eine Buchpräsentation mit anschließender Plenardiskussion "Semiotik zur Jahrtausendwende. Versuch einer Standortbestimmung". Erwartet werden Impulsreferate von Anton FÜRLINGER (Wien), Peter GRZYBEK (Graz/Bochum), János KELEMEN (Budapest), Ludwig NAGL (Wien) und Sigrid SCHMID- BORTENSCHLAGER (Salzburg); Moderation: Jeff BERNARD (Wien). Erwartet wird weiters eine ähnlich guter Besuch und ein ebenso reger dialogischer Ablauf wie im Falle des 13. Seminars "Semiotik des Rechts". Den Abschluß soll ein Gastvortrag von János KELEMEN (Budapest) über "Adam's Language and Dante" bilden. Kelemen, schon des öfteren ins Wiener Kongreßgeschehen involviert, und sein Ruf als Sprachphilosoph und Semiotiker von Rang sollten wohl mit dazu beitragen, daß sich die genannten Erwartungen realisieren lassen.

Info: ISSS, Waltergasse 5/1/12, A-1040 Wien/Österreich; tel=fax +43-1-504-5344; e-mail: gloria.withalm@hermes.hsak.ac.at

 
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[originally published in:
IASS-AIS Bulletin-Annual '95 & 96= Bernard, Withalm & Réthoré 1996: 222-226]
 
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Created: February 21, 2000 (Gloria Withalm, IASS-AIS)
 
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