Mediensemiotik | Semiotics of the Media
 

»Bei der Frage nach dem Anteil von semiotischen Theorien und Analysen in den Medienwissenschaften muss einerseits die Vielfalt der semiotischen (und semiotiknahen) Ansätze betrachtet werden (und ihre je historische Wirksamkeit, vgl. Wolf 2003), andererseits die länderweisen Unterschiede in der Überschneidung der Disziplinen, wie sie Nöth an mehreren Stellen beschreibt:
 
“Während in Ländern wie Italien (besonders unter dem Einfluß von Eco), Frankreich, Spanien oder etwa Brasilien Medienwissenschaft und Mediensemiotik geradezu Synonyme zu sein scheinen, wird in Deutschland sowie in den anglophonen Ländern der Stellenwert der Semiotik für die Medienwissenschaft als weniger zentral angesehen.” (Nöth 1998, 54)
 

Ein Blick auf Publikationen der vergangenen Jahre bzw. auf Lehrveranstaltungen (und deren Literaturlisten) in den einschlägigen Fächern zeigt jedoch eine beginnende Trendwende zugunsten der Mediensemiotik (wobei die enge Verflechtung von mediensemiotischen Paradigmen und Cultural Studies in England einer gesonderten Diskussion bedarf).
    Im Sinne der theoretischen Auseinandersetzung mit Modellen und Konzepten bietet die Semiotik eine systematische Abklärung von zentralen Begriffen wie Kanal oder Medium (Wulff 1978/1986), die sowohl die Übereinstimmung zwischen Zeichen und Medium als Vermittlungsinstanz zwischen Realität und Bewusstsein reflektiert[9] als auch die vielfältigen Verwendungszusammenhänge des Medienbegriffs. Ausgehend vom tatsächlichen Gebrauch in Alltag und Fachliteratur unterscheidet Posner (1985, 255 ff.) sechs verschiedene Medienbegriffe und die zugrundeliegenden Kriterien (biologisch/Sinnesmodalität, physikalisch/Kontaktmaterie, technisch/verwendete Apparate und ihre Produkte, soziologisch/Institution, kulturbezogen/Textsorte, kodebezogen/Kode). Mit Blick auf einen wachsenden Objektbereich, nämlich den der Multimedialität, und auf die Rolle, die die Semiotik hier leisten kann, handelt es sich für Hess-Lüttich dabei um
 
“Dimensionen eines Medienbegriffes, die in Semiosen praktisch zusammenwirken, analytisch aber danach unterschieden werden, auf welchen Aspekt der Vermittlung sich das Interesse vornehmlich richtet. [...] Erst ein [...] kommunikationstheoretisch integrierter und semiotisch differenzierter Medienbegriff erlaubt die jeweils genau zu spezifizierende Analyse multi-medialer Semioseprozesse.” (Hess-Lüttich/Schmauks 2003, § 2)«


[9]   Peirce stellt 1906 fest: “All my notions are too narrow. Instead of ‘Sign’, ought I not to say Medium?” (Peirce MS 339), vermutlich 1905 schreibt er an anderer Stelle: “A sign is plainly a species of medium of communication.” (Peirce MS 283, 125)

Withalm, Gloria (2003d). “Zeichentheorien der Medien”. In: Weber, Stefan (ed.). Theorien der Medien. Von der Kulturkritik bis zum Konstruktivismus (= Uni-Taschenbücher. 2424). Konstanz: UVK Medien & UTB, 143-144


einführende Literatur in Handbüchern

Hess-Lüttich, Ernest W.B. & Dagmar Schmauks (2004). “Multimediale Kommunikation (Multimedia communication)”. In: Posner, Roland, Klaus Robering & Thomas A. Sebeok (eds.)(1997-2004). Semiotik. Ein Handbuch zu den zeichentheoretischen Grundlagen von Natur und Kultur / Semiotics. A Handbook on the Sign-Theoretic Foundations of Nature and Culture. Berlin: de Gruyter, Vol. 4, 3487-3503

Wolf, Mauro (2003). “Semiotic aspects of mass media studies (Semiotische Aspekte der Publizistikwissenschaft)”. In: Posner, Roland, Klaus Robering & Thomas A. Sebeok (eds.)(1997-2004). Semiotik. Ein Handbuch zu den zeichentheoretischen Grundlagen von Natur und Kultur / Semiotics. A Handbook on the Sign-Theoretic Foundations of Nature and Culture. Berlin: de Gruyter, Vol. 3, 2926-2937


weitere Literatur zum Thema

Eco, Umberto (1981). “Der Einfluß Roman Jakobsons auf die Entwicklung der Semiotik”. In: Krampen et al. 1981: 173-204

Hall, Stuart (1980). “Introduction to Media Studies at the Centre“ & “Encoding/Decoding”. In: Hall et al. 1980: 117-121 & 128-138

Hall, Stuart et al. (eds.) (1980). Culture, Media, Language. Working Papers in Cultural Studies, 1972-1979. London: Hutchinson, 2. Aufl. 1981, 3. Aufl. 1984

Hess-Lüttich, Ernest W.B. et al. (ed.) (1982). Multimedial Communication. Tübingen: Narr

Hess-Lüttich, Ernest W.B., Werner Holly & Ulrich Püschel (Hg.) (1996). Textstrukturen im Medienwandel (= Forum Angewandte Linguistik, Band 29). Frankfurt/M.–Bern–New York: Peter Lang

Krampen, Martin (1997b). “Semiosis of the mass media: Modeling a complex system”. In: Nöth 1997: 87-97

Müller, Jürgen E. (1994). “Intermedialität und Medienwissenschaft. Thesen zum State of the Art”. montage/av 3(2)

Nöth, Winfried (1998). “Die Semiotik als Medienwissenschaft”. In: Nöth & Wenz 1998: 47-60

Nöth, Winfried (ed.) (1997). Semiotics of the Media. State of the Art, Projects, and Perspectives (= Approaches to Semiotics. 127). Berlin/New York: Mouton de Gruyter

Posner-Landsch, Marlene (1997): “Marketing. Kundenbindung und Selbstdarstellung am Beispiel der Massenmedien”. In: Bernard, Jeff, Josef Wallmannsberger & Gloria Withalm (eds.) (1998). Welt der Zeichen, Welt der Dinge – World of Signs, World of Things (= Angewandte Semiotik). Wien: OGS/ISSS, 171-200

Bentele, Günter (1990). “Mediencodes und Zeit”. S – European Journal for Semiotic Studies 2(4)1990: 833-852

Bentele, Günter (Hg.) (1981). Semiotik und Massenmedien. München: Ölschläger


Die Bibliografie, die hier nach Bereichen sortiert und aufgeteilt ist, wurde ursprünglich um 1990 von Jeff Bernard und Gloria Withalm für Projekteinreichungen kompiliert und in der Folge als Grundlage von Lehrveranstaltungen aus allgemeiner Semiotik sowie Kultur- und Mediensemiotik erweitert.

Copyright © Gloria Withalm 2008 | Created: 2008-02-04