„Fragt man: ‚Warum schreibt der Maler Kokoschka Dramen statt nur Bilder zu malen?’ – So erwidere ich mit der Gegenfrage: Warum komponiert er nicht auch noch Symphonien, Opern, Lieder, warum ist er nicht auch noch Bildhauer?“ Treffender als es Lothar Schreyer in seinen „Erinnerungen an Sturm und Bauhaus“ 1956 formulierte, lässt sich das Multitalent Oskar Kokoschka (1886-1980) wohl kaum fassen. Ungebrochen ist das Interesse an seinem Werk und seinem Leben, das beinahe das gesamte 20. Jahrhundert mit all seinen Höhenflügen und Katastrophen abdeckt.
Das Naheverhältnis der Universität für angewandte Kunst zu Kokoschka, der an der Vorgängerinstitution, der k.k. Kunstgewerbeschule studierte und unterrichtete, blieb stets lebendig. So wurde der Platz vor der „Angewandten“ in Oskar Kokoschka-Platz umbenannt und ein von Alfred Hrdlicka geschaffenes Kokoschka-Denkmal errichtet. Hier wurde auch schon in der Vergangenheit zu Kokoschka geforscht, was sich in Publikationen und etwa einem Symposium zum 100. Geburtstags OKs (1986) niederschlug. Unter dem Jury-Vorsitz des jeweiligen Rektors wird seit 1981 alle zwei Jahre der Oskar-Kokoschka-Preis, die höchstdotierte Auszeichnung für bildende Kunst in Österreich, an international bedeutende Künstler und Künstlerinnen vergeben. Im Oskar-Kokoschka-Zentrum hat die Beziehung der „Angewandten“ zu einem ihrer prominentesten Absolventen einen gut ausgestatteten, institutionellen Rahmen erhalten. Es ist eines der zentralen Forschungseinrichtungen zum Werk und Leben Oskar Kokoschkas.
Die Gründung des Oskar-Kokoschka-Zentrum 1996 geht auf eine großzügige Schenkung von Dr. Olda Kokoschka (1915-2004), der Witwe des Künstlers, an die Universität für angewandte Kunst zurück. Dabei erhielt die „Angewandte“ den gesamten Bibliotheks-, Zeitschriften- und Fotonachlass des Künstlers, sowie Ausstellungsdokumentationen, Zeitungsartikel (Einklebebücher, v.a nach 1945), audio-visuelle Medien, Plakate, aber auch etliche persönliche Erinnerungsstücke, darunter die Totenmaske Kokoschkas.
Schon zuvor, 1986 und 1994, konnte die Sammlung der Universität für angewandte Kunst, innerhalb derer das Oskar-Kokoschka-Zentrum organisiert ist, von Reinhold Graf Bethusy-Huc (1930-1998) eine vielfältige Quellensammlung zu Oskar Kokoschka erwerben: Bethusy-Huc, ein leidenschaftlicher Verehrer OKs und engagierter Sammler, hatte eine Forschungsbibliothek, Autographen, Archivalien zur Rezeptionsgeschichte, unzählige Fotos zum Leben und Werk des Künstlers, aber auch Memorabilien zusammengetragen. Dazu zählt u.a. die "Tigerkatze" (vgl. Aquarell 1969, Albertina Inv.Nr. 42439), sowie ein kleines, kurioses "Krumenschwein", das Bethusy-Huc nach einer von OK aus Brotteig geformten Vorlage in Bronze gießen hatte lassen.
Einen entscheidenden Zuwachs erfuhr das Oskar-Kokoschka-Zentrum 1998 durch die Dauerleihgabe umfangreicher Bestände der Oskar Kokoschka-Dokumentation Pöchlarn. Die 1973 im Geburtsort OKs gegründete Institution verfügt über Druckgrafiken aus allen Schaffensperioden, darunter wichtige Zyklen etwa "Der gefesselte Kolombus" (1913), "Die Odyssee" (1965), Archivalien, zahlreiche Fotos und eine Bibliothek. Im 2002 zum Kulturzentrum Kokoschka-Haus Pöchlarn ausgebauten Geburtshaus, ist die jährliche Sommerausstellung dem Künstler gewidmet und wird in Zusammenarbeit mit dem Oskar-Kokoschka-Zentrum kuratiert.
Nicht zuletzt sei der OK-spezifische Bestand der Sammlung der Universität für angewandte Kunst genannt, der neben Publikationen und Bibliophilem, Druckgraphiken und Autographen natürlich auch die Studienunterlagen und Arbeiten aus der Studienzeit Kokoschkas an der k.k. Kunstgewerbeschule besitzt. Eine von OK mitgestaltete Schülerzeitung, die "Kneipzeitung" 1906, gehört ebenso dazu, wie der aufwendig gearbeitete Damenrock, den Kokoschka 1907/08 für die von ihm verehrte Studienkollegin Lilith Lang entworfen hat.
Mit dem Kernstück, nämlich der Bibliothek Oskar und Olda Kokoschkas aus Villeneuve, wo sie bis zuletzt gelebt hatten, und den anderen genannten Bestandsblöcken, verfügt das Oskar-Kokoschka-Zentrum über 5200 Bücher und rund 900 Zeitschriften, die neben den diversen Archivalien und rund 4000 Fotos für Forschungszwecke öffentlich zugänglich sind. Eine Aufnahme der OK-Bibliothek in den Österreichischen Bibliothekenverbund sowie das On-line-Stellen einer Bilddatenbank der OK-Fotobestände sind geplant und soll die Recherchen im Oskar-Kokoschka-Zentrum optimieren.
Oskar Kokoschka-Preis – Preisträger und Preisträgerinnen
1982 Hans Hartung
1983 Mario Merz
1985 Gerhard Richter
1986 Siegfried Anzinger, a.o. Preis
1990 Künstler aus Gugging
1992 Agnes Martin
1994 Jannis Kounellis
1996 John Baldessari
1998 Maria Lassnig
2000 Vally Export
2002 Ilya Kabakov
2004 Günter Brus
2006 Martha Rosler
2008 William Kentridge